Tierische Notnahrung – Insekten und Larven in Mitteleuropa
Insekten können in einer Überlebenslage Eiweiß und je nach Art auch Fett liefern. In Mitteleuropa ist ihr praktischer Wert trotzdem begrenzt, weil nur wenige geeignete Arten regelmäßig in ausreichender Dichte auftreten. Einzelnen Käfern nachzulaufen oder wahllos Larven aus Holz zu brechen verbraucht meist mehr Energie, als die Ausbeute rechtfertigt. Interessant werden Insekten nur dort, wo viele sicher bestimmbare Tiere auf engem Raum vorkommen.
Was in Mitteleuropa überhaupt infrage kommt
Der Nährwert einzelner Arten schwankt mit Entwicklungsstadium, Nahrung, Jahreszeit, Wassergehalt und Zubereitung stark. Zahlen pro 100 Gramm helfen wenig, wenn für diese Menge stundenlang gesammelt werden muss. Entscheidend ist der Ertrag pro eingesetzter Zeit: Wie viele Tiere lassen sich ohne lange Wege, tiefes Graben oder die Zerstörung von festem Holz gewinnen?
Sechs Prüfungen vor dem Sammeln
Heuschrecken und Grillen
Große Feldheuschrecken sind die einzige wild lebende Insektengruppe, bei der im mitteleuropäischen Sommer gelegentlich eine brauchbare Menge zusammenkommen kann. Das setzt einen ungewöhnlich dichten Bestand, sichere Bestimmung und eine Fläche ohne erkennbare Pflanzenschutzmittelbelastung voraus. Die Tiere sitzen vor allem in Wiesen, auf Brachen, Trockenrasen und an warmen Säumen. Einzelne Grillen in ihren Erdröhren sind dagegen akustisch leicht zu finden, aber zu aufwendig zu fangen.
Der beste Zeitpunkt ist ein kühler Morgen oder eine Phase nach deutlichem Temperaturabfall. Die Tiere springen dann kürzer und bleiben eher an Halmen sitzen. Eine Jacke, ein Tuch oder ein grober Beutel wird flach durch niedrige Vegetation geführt und nach jedem Zug sofort geschlossen. Hohe dornige Vegetation und steile Böschungen erhöhen den Aufwand unnötig. Eine Lampe über einer Wasserschale fängt dagegen ein Gemisch vieler unbekannter Arten und ist keine sinnvolle Nahrungsfalle.
Vom Fang bis zur Mahlzeit
- Sortieren: Nur die vorher festgelegte Art behalten. Käfer, Wanzen, Raupen und andere Beifänge sofort entfernen.
- Ruhigstellen: Ein geschlossener Behälter kommt kurz an einen kühlen Ort. Die Tiere nicht in verschmutztem Wasser ertränken.
- Harte Teile entfernen: Bei großen ausgewachsenen Tieren Sprungbeine und Flügel abdrehen. Die bedornten Hinterschienen können Mund und Rachen verletzen.
- Reinigen: Pflanzenreste und Erde entfernen. Tiere aus sandigem Bestand kurz mit sauberem Wasser spülen und direkt weiterverarbeiten.
- Durchgaren: Kleine Portionen vollständig erhitzen. Anschließendes Rösten verbessert die Konsistenz und verringert Restfeuchte.
Maikäfer – selten, aber bei starkem Flug leicht zu sammeln
Maikäfer wurden in Mitteleuropa zeitweise als Nahrungsmittel genutzt, vor allem während früherer Massenvermehrungen. Daraus folgt keine Empfehlung für beliebige Blatthornkäfer. Interessant ist nur ein stärkeres Auftreten von sicher bestimmten Feld- oder Waldmaikäfern. In normalen Jahren findet man dafür vielerorts zu wenige Tiere.
Die erwachsenen Käfer erscheinen im Frühjahr und fliegen am Abend zu Laubbäumen. Bei kühler Witterung und am frühen Morgen sitzen sie träge an Zweigen oder liegen unter den Fraßbäumen. Dadurch lassen sie sich ohne Verfolgungsjagd von einem Tuch aufnehmen. Vor der Zubereitung werden Beine und harte Flügeldecken entfernt; anschließend werden die Käfer vollständig gegart und geröstet.
Käferlarven und Engerlinge
Larven können wegen ihres Fettanteils gehaltvoller sein als viele ausgewachsene Insekten. Gleichzeitig ist „Engerling“ keine Artbezeichnung. Weiße gekrümmte Larven im Boden gehören zu verschiedenen Blatthornkäfern; langgestreckte Larven im Holz zu zahlreichen weiteren Familien. Kopfkapsel, Beinlänge, Borsten, Hinterleibsende und Fundsubstrat müssten gemeinsam beurteilt werden. Für eine spontane Nahrungssuche ist das zu fehleranfällig.
Eine Ausnahme bilden Mehlkäferlarven, wenn sie aus einem trockenen, nicht verdorbenen Lebensmittelvorrat stammen und sicher als Tenebrio molitor erkannt werden. Larven aus schimmligem Mehl, behandeltem Saatgut, Tierfutter unbekannter Herkunft oder einem Lager mit Schädlingsbekämpfung werden nicht genutzt. Dass gezüchtete Mehlwürmer als Lebensmittel verwendet werden, macht einen unbekannten Vorratsschädling nicht automatisch essbar.
Große Mengen Totholz aufzubrechen ist selten sinnvoll. Die Suche kostet Kraft, liefert oft nur einzelne Tiere und zerstört das feuchte Mikroklima, in dem die Larven leben. Ein bereits zerfallendes Stück kann kontrolliert werden; festes Holz wird nicht wegen einer vagen Hoffnung zerhackt. Ohne sichere Artbestimmung werden die gefundenen Larven nicht gegessen.
Wasserlarven und Nymphen
Larven und Nymphen von Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Steinfliegen und Libellen kommen in mitteleuropäischen Gewässern vor. Für den direkten Verzehr sind sie eine schlechte Wahl: klein, schwer zu bestimmen, mit Sediment verbunden und nur mühsam in brauchbarer Menge zu sammeln. Klares Wasser kann oberhalb trotzdem durch Tierhaltung, Abwasser, Bergbau oder Landwirtschaft belastet sein.
Nur bei einem ungewöhnlich dichten Vorkommen und sicherer Zuordnung kommt eine direkte Nutzung überhaupt infrage. Die Tiere werden aus ihren Köchern gelöst, mehrfach mit sauberem Wasser gespült und vollständig gegart. Eine flache Schale wird stromab gehalten, während wenige leicht lösbare Steine angehoben werden. Wenn dabei nur einzelne Tiere zusammenkommen, wird die Suche beendet. Ganze Bachabschnitte umzudrehen kostet Kraft, trübt das Wasser und verbessert den Nahrungsertrag kaum.
Fliegenlarven aus Aas, Kot und Abfall
Wild gefundene Fliegenlarven aus verwesendem Fleisch, Fisch, Kot, Kadavern oder Müll sind keine Notnahrung. Sie bewegen sich durch ein Substrat, das bereits durch Bakterien, deren Stoffwechselprodukte und möglicherweise Chemikalien belastet ist. Abspülen, Darmentleerung und Kochen machen die unbekannte Ausgangsmasse nicht zuverlässig sicher.
Davon zu unterscheiden sind einzelne Fliegenlarvenarten, die kontrolliert auf festgelegtem Futter für Tierfutter oder technische Zwecke gezüchtet werden. Diese Erfahrung darf nicht auf einen beliebigen Madenfund übertragen werden. Für den direkten Verzehr bleibt der Wildfund aus Aas, Kot und Abfall ausgeschlossen.
Ameisen, Bienen, Wespen und andere häufige Funde
Gefährliche Verwechslungen
Feldaufbereitung mit wenig Ausrüstung
- Getrennt halten: Jede Art kommt in einen eigenen Behälter. Gemischte Fänge lassen sich zwischen Flügeln, Beinen und Bruchstücken später kaum sicher sortieren.
- Beifänge entfernen: Fremde Arten, tote und bereits zersetzte Tiere sowie Exemplare mit auffälligem Geruch oder Pilzbefall verwerfen.
- Mechanisch reinigen: Erde, Pflanzenreste, harte Flügel und bedornte Beine entfernen. Langes Wässern ersetzt keine Bestimmung und kann den Verderb beschleunigen.
- Vollständig erhitzen: Nicht roh essen. Das Innere großer Tiere und Larven muss vollständig heiß und gegart sein; ein nur außen angesengtes Tier reicht nicht.
- Direkt verbrauchen: Gekochte feuchte Insekten verderben rasch. Nur bei vollständiger Durchtrocknung können sie kurzzeitig aufbewahrt werden.
Jahreszeit und Fundchancen
Häufige Fehlentscheidungen
Allergien und Beschwerden
Insektenproteine können Allergien auslösen. Menschen mit einer Allergie gegen Krebstiere, Weichtiere oder Hausstaubmilben besitzen ein erhöhtes Risiko für Kreuzreaktionen. Auch vollständiges Garen verhindert eine solche Reaktion nicht zuverlässig. Atemnot, Schwellungen an Lippen oder Zunge, großflächige Quaddeln, Kreislaufprobleme, starke Bauchschmerzen, Blut im Urin oder anhaltendes Erbrechen sind Notfallzeichen.
- Verzehr sofort beenden und den Notruf 112 verständigen.
- Kein Erbrechen auslösen und keine weiteren Tiere zum Vergleich probieren.
- Übrig gebliebene Exemplare und die zubereitete Portion sichern.
- Fundort, Futterpflanze oder Substrat sowie den Zeitpunkt der Mahlzeit festhalten.
