Notnahrung an Gewässern – Rhizome, Knollen, Sprosse und Pollen
Ufer und Röhrichte können im Notfall mehr liefern als einige grüne Blätter. Unterirdische Speicherorgane von Rohrkolben, Schilf, Teichbinse, Sumpfziest und Klette enthalten Kohlenhydrate, die tatsächlich zur Versorgung beitragen können. Der Aufwand ist jedoch hoch: graben, waschen, Fasern entfernen, Stärke absetzen lassen und alles vollständig garen. Pollen, junge Sprosse und Wasserlinsen sind nur Ergänzungen und dürfen nicht mit einer tragfähigen Kalorienquelle verwechselt werden.
Was sich im Ernstfall wirklich lohnt
Bevor Energie in das Ausgraben fließt, wird der Bestand abgeschätzt. Einzelne Rohrkolben, wenige dünne Queckenrhizome oder eine Handvoll Wasserlinsen rechtfertigen den Aufwand nicht. Ein großer Rohrkolbenbestand am vergleichsweise sauberen Rand eines Sees kann dagegen eine brauchbare Stärkemenge liefern. In kaltem Wasser, tiefem Schlamm oder an steilen Ufern kommt zusätzlich das Risiko von Auskühlung, Einsinken und Stürzen hinzu.
Rohrkolben – Typha latifolia und Typha angustifolia
Breit- und Schmalblättriger Rohrkolben bilden dichte Bestände im flachen Wasser und in weichem Uferboden. Ihre langen Blätter sind flach, bandförmig und entspringen in Büscheln aus dem Rhizom. Der bekannte braune Fruchtkolben bleibt häufig bis in den Winter stehen. Während der Blüte sitzt der männliche, hellere Abschnitt oberhalb des weiblichen Kolbens. Beim Breitblättrigen Rohrkolben grenzen beide meist aneinander; beim Schmalblättrigen ist häufig ein sichtbarer Abstand vorhanden.
Die kräftigen Rhizome verlaufen waagerecht im Schlamm und verbinden mehrere Triebe. Außen sind sie bräunlich, innen hell und von vielen zähen Fasern durchzogen. In diesen Fasern sitzt die Stärke. Im Spätherbst, Winter und zeitigen Frühjahr ist der Speicher meist ergiebiger als während des starken Austriebs. Der tatsächliche Ertrag schwankt jedoch so stark mit Jahreszeit, Standort und Rhizomalter, dass feste Prozent- oder Kalorienrechner keinen praktischen Wert haben.
Rohrkolbenstärke ohne unnötige Arbeit gewinnen
- Rhizom verfolgen: Am äußeren Rand eines dichten Bestandes ist das Freilegen meist leichter als zwischen alten, verfilzten Pflanzen. Nur feste, unverfaulte Stücke verwenden.
- Außen reinigen: Schlamm zunächst im Entnahmegewässer abspülen. Die eigentliche Verarbeitung erfolgt anschließend mit dem saubersten verfügbaren Wasser.
- Öffnen: Dunkle Außenhaut abziehen oder das Rhizom längs spalten. Faulige, weich gewordene oder übel riechende Bereiche werden vollständig verworfen.
- Mark zerlegen: Das helle Innere klein schneiden, zerstoßen oder zwischen zwei sauberen Steinen quetschen. Ganze Rhizomstücke geben nur wenig Stärke frei.
- In Wasser kneten: Die Masse in einem Gefäß kräftig auswaschen. Ein Stoffrest hält grobe Fasern zurück; die milchige Flüssigkeit muss in das Gefäß gelangen.
- Absetzen lassen: Die Flüssigkeit ruhig stehen lassen, bis sich unten eine helle Schicht bildet. Das obere Wasser vorsichtig abgießen und den Vorgang bei stark verschmutzter Stärke wiederholen.
- Vollständig garen: Das feuchte Sediment mit Wasser zu Brei kochen oder mit anderem Mehl zu flachen Fladen verarbeiten. Rohe Stärke und schlammige Rhizomreste werden nicht gegessen.
Rohrkolben von problematischen Uferpflanzen trennen
Schilf – Phragmites australis
Gemeines Schilf bildet hohe, oft meterweite Bestände. Die Halme sind rund, hohl und durch feste Knoten gegliedert. Die breiten Blattspreiten gehen in eine den Halm umfassende Blattscheide über. Im Spätsommer und Herbst erscheinen große, verzweigte, zunächst bräunlich-violette und später silbrige Rispen. Unterirdisch breiten sich lange, knotige Rhizome aus.
Die Rhizome speichern Kohlenhydrate, sind jedoch faserig und in der Praxis meist weniger ergiebig als Rohrkolbenrhizome. Sie können gereinigt, klein geschnitten, zerquetscht und wie Rohrkolben ausgewaschen werden. Alternativ wird das gekochte weiche Innere ausgekaut und die Faser ausgespuckt. Sehr junge, noch helle Sprosse werden von den zähen Hüllen befreit und vollständig gegart. Alte grüne Sprosse und Halme sind keine Nahrung.
Teichbinse – Schoenoplectus lacustris
Die Teichbinse wächst in flachem stehenden oder langsam fließenden Wasser. Ihre hohen grünen Halme sind rund und innen mit lockerem Mark gefüllt. Der braune, verzweigte Blütenstand wirkt seitlich angesetzt, weil ein Hüllblatt den Halm geradlinig fortsetzt. Aus dem kräftigen Rhizom treiben neue Halme und verdickte Knospen.
Rhizom, junge Rhizomknospen und sehr junge Halmgrundstücke wurden regional als Nahrung genutzt. Für die Notsituation ist die Art dennoch nur zweite Wahl: Das Freilegen kostet Kraft, die Stücke sind oft faserig und die Bestimmung ohne Blütenstand verlangt Erfahrung. Die gereinigten hellen Teile werden klein geschnitten und lange gekocht oder geröstet. Ein direkter Vergleich mit Kartoffeln oder Getreidemehl wäre irreführend.
Quecke – Elymus repens
Quecke ist keine Wasserpflanze. Sie wächst auf Böschungen, Wegen, Brachflächen und den trockeneren Bereichen eines Ufers. Die flachen Grasblätter sitzen an knotigen Halmen; die Ährchen stehen in zwei Reihen an einer schmalen Ähre. Unterirdisch bildet die Pflanze lange gelbliche bis weißliche Rhizome mit deutlich erkennbaren Knoten und harten, spitzen Enden.
Die gereinigten Rhizome schmecken nach längerem Kauen leicht süßlich. Sie können klein geschnitten, ausgekocht oder trocken geröstet und zermahlen werden. Der überwiegende Faseranteil begrenzt jedoch den Ertrag. Eine kräftige Handvoll Rhizome ergibt eher einen Zusatz für Brei oder Getränk als eine eigenständige Mahlzeit.
Sumpfziest – Stachys palustris
Sumpfziest wächst in feuchten Wiesen, Gräben, an Ackerrändern und auf nährstoffreichen Uferböden. Wie andere Lippenblütler besitzt er einen vierkantigen Stängel und gegenständige Blätter. Die länglichen Blätter sind zugespitzt und gesägt; die rosa- bis violettfarbenen Lippenblüten stehen in Scheinquirlen. Im Herbst entstehen an unterirdischen Ausläufern kleine helle, gegliederte Knollen.
Diese Knollen wurden in Mittel- und Nordeuropa besonders in Notzeiten genutzt. Sie sind wesentlich kleiner als Kartoffeln, lassen sich aber einfacher verarbeiten als ein faseriges Rohrkolbenrhizom. Nach sicherer Bestimmung werden sie gründlich aus dem Boden gewaschen und gekocht oder geröstet. Bei unbekannter Art wird nicht aufgrund einer einzelnen hellen Knolle entschieden; mehrere Ziest-Arten besitzen andere oder keine brauchbaren Speicherorgane.
Große Klette – Arctium lappa
Die Große Klette ist ebenfalls keine eigentliche Wasserpflanze, wächst aber häufig auf nährstoffreichen, feuchten Säumen. Im ersten Jahr bildet sie eine große bodennahe Rosette. Die Blätter sind breit herzförmig bis eiförmig, lang gestielt und unterseits grau-filzig. Erst im zweiten Jahr entwickelt sich der hohe verzweigte Stängel mit den bekannten hakigen Klettenfrüchten; dann ist die Pfahlwurzel zunehmend verholzt.
Nur die Wurzel einer sicher bestimmten erstjährigen Pflanze ist als Nahrung interessant. Sie sitzt tief und bricht beim Ziehen leicht ab. Nach dem Ausgraben wird sie gründlich gewaschen, dünn geschält, längs geteilt und so lange gekocht, bis sie weich ist. Klettenwurzel enthält vor allem Inulin statt Stärke. Große Mengen können deshalb Blähungen und Bauchbeschwerden verursachen; eine kleine Portion wird zuerst mit anderer Nahrung kombiniert.
Wasserlinsen – Lemna-Arten
Die hohen Eiweißwerte, mit denen Wasserlinsen beworben werden, beziehen sich auf getrocknete Pflanzen aus kontrollierter Kultur und auf bestimmte Arten. Eine frisch abgeschöpfte Wildmenge besteht überwiegend aus Wasser. Außerdem lassen sich zwischen den winzigen Schwimmkörpern Algen, Insektenlarven, Schnecken, Kot und andere Pflanzen kaum vollständig aussortieren.
Wasserlinsen nehmen Nährstoffe und je nach Standort auch Metalle oder andere Schadstoffe aus dem Wasser auf. Gerade ein besonders dichter Teppich weist häufig auf ein sehr nährstoffreiches, warmes und schlecht durchmischtes Gewässer hin. Für eine akute Notsituation ist die Art deshalb keine vorrangige Nahrung. Wer sie nicht sicher bestimmen und den Gewässerverlauf nicht einschätzen kann, investiert seine Zeit besser in eine andere Quelle.
Gefährliche und ungeeignete Uferpflanzen
Erntezeiten ohne falsche Monatsgenauigkeit
Aufwand, Wasser und Brennstoff richtig einsetzen
Eine brauchbare Rohrkolbenmahlzeit
Frisch abgesetzte Rohrkolbenstärke wird mit so wenig Wasser verrührt, dass ein dicker Brei entsteht, und unter ständigem Rühren vollständig erhitzt. Ist bereits Nussmehl, Eichelmasse oder Getreidemehl vorhanden, verbessert ein Anteil Rohrkolbenstärke die Bindung. Pollen wird nur als kleine trockene Zugabe eingerührt. Grüne Sprosse oder Wasserlinsen machen aus einer energiearmen Mahlzeit keine vollwertige Ration.
Häufige Fehler
Wenn nach dem Essen Beschwerden auftreten
Brennen im Mund, starkes Speicheln, Erbrechen, Durchfall, Schwindel, Krämpfe, auffällige Müdigkeit oder Herzbeschwerden nach einer Uferpflanze werden ernst genommen. Bei möglichem Verzehr von Wasserschierling, Schwertlilie, Sumpf-Calla, Kalmus oder einer unbekannten Wurzel wird sofort der Notruf 112 verständigt.
- Kein Erbrechen auslösen und keine Hausmittel verabreichen.
- Pflanzenreste, Rhizomstücke und die ungegessene Mahlzeit sichern.
- Fundort fotografieren und Zeitpunkt, Zubereitung sowie ungefähre Menge notieren.
- Bei leichteren unklaren Beschwerden ein Giftinformationszentrum kontaktieren.
