Notnahrung von Gehölzen – Nüsse, Eicheln, Triebe und Säfte
Gehölze können in einer Notsituation sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Haselnüsse, Walnüsse, Bucheckern und richtig aufbereitete Eicheln liefern tatsächlich Energie. Lindenblätter, junge Nadelbaumtriebe, Holunderblüten und Birkensaft bringen dagegen vor allem Flüssigkeit, Geschmack oder etwas Pflanzenmasse. Wer diese Gruppen gleich bewertet, verschwendet Zeit und Brennstoff.
In der Notsituation nach Ertrag entscheiden
Hoher Nutzwert
Hasel, Walnuss und Eicheln können eine Ration energetisch tragen. Entscheidend sind Reife, Zustand und die verfügbare Aufbereitung.
Gelegentlicher Zusatz
Bucheckern, Holunderbeeren und Vogelbeeren sind saisonal brauchbar, verlangen aber Hitze beziehungsweise eine sorgfältige Verarbeitung.
Geschmack und Volumen
Lindenblätter, junge Fichtentriebe und Birkensaft liefern nur wenig Energie. Sie ergänzen eine vorhandene Grundlage, ersetzen sie aber nicht.
Vor dem Sammeln lohnt eine einfache Rechnung: Wie viel essbarer Anteil liegt tatsächlich vor, wie lange dauert das Öffnen oder Entbittern und wie viel Wasser sowie Brennstoff werden dafür benötigt? Ein voller Haselstrauch oder ein ergiebiger Eichenbestand rechtfertigt Arbeit. Einzelne Nüsse, wenige Blüten oder ein schwach laufender Baumsaft tun es meist nicht.
Hasel – Corylus avellana
Die Hasel wächst meist als vielstämmiger Strauch an Waldrändern, in Hecken und auf lichten Flächen. Ihre wechselständigen Blätter sind rundlich bis breit eiförmig, am Grund herzförmig, deutlich zugespitzt und doppelt gesägt. Im Winter und zeitigen Frühjahr fallen die langen männlichen Kätzchen auf. Die Nüsse sitzen einzeln oder in kleinen Gruppen in zerschlitzten, blattartigen Hüllen.
Vollreife Haselnüsse lösen sich leicht aus der Hülle oder liegen bereits am Boden. Helle, noch weiche Kerne aus unreifen Nüssen sind feuchter, weniger ergiebig und schlecht lagerfähig. Ein Bohrloch in der Schale zeigt meist, dass eine Larve die Nuss verlassen hat. Trotzdem wird jede geknackte Nuss angesehen: Ein äußerlich unauffälliges Exemplar kann innen geschrumpft, dunkel oder verschimmelt sein.
Walnuss – Juglans regia
Walnussbäume stehen häufig an ehemaligen Höfen, in Gärten, Alleen und Streuobstbeständen. Die großen wechselständigen Blätter sind unpaarig gefiedert und bestehen meist aus fünf bis neun ganzrandigen Fiederblättchen. Beim Zerreiben riechen sie kräftig aromatisch. Die Nuss entwickelt sich in einer glatten grünen Fruchthülle, die bei Reife aufreißt und sich dunkel verfärbt.
Fallnüsse werden rasch aus der weichen Hülle gelöst. Anhaftende Hüllenreste halten Feuchtigkeit und fördern Schimmel. Danach trocknen die Nüsse einlagig oder in einem luftdurchlässigen Netz. Geschälte Kerne reagieren wegen ihres hohen Anteils ungesättigter Fette empfindlich auf Wärme, Licht und Sauerstoff. Deshalb werden nur die benötigten Mengen geknackt.
Bucheckern – Fagus sylvatica
Die Rotbuche besitzt eine glatte graue Rinde, lange spitze Knospen und wechselständige ovale Blätter mit weitgehend glattem bis welligem Rand. Ihre Früchte sitzen in einer auffälligen borstigen Hülle, die sich bei Reife vierteilig öffnet. Die darin liegenden Nüsschen sind scharf dreikantig.
Bucheckern treten nicht jedes Jahr in gleicher Menge auf. In einem Mastjahr können sie den Boden bedecken; in anderen Jahren steht der Arbeitsaufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag. Viele Hüllen sind leer, Kerne vertrocknet oder von Insekten befallen. Die dünne Außenschale und die braune Haut werden entfernt. Rohe Bucheckern können Beschwerden verursachen. Sie werden deshalb immer erhitzt und zunächst nur in kleiner Menge gegessen.
Eicheln – Quercus-Arten
Eicheln sind in ergiebigen Jahren eine der wichtigsten wild verfügbaren Stärkequellen. Stiel- und Traubeneiche lassen sich an ihren typischen gelappten Blättern und den Früchten im schuppigen Fruchtbecher erkennen. Die beiden Arten unterscheiden sich unter anderem durch Blattstiel, Fruchtstiel und Blattgrund. Für die Verwendung ist wichtiger, dass tatsächlich eine Eiche erkannt wurde und die Kerne reif sowie gesund sind.
Rohe Eicheln enthalten je nach Art, Baum und Reife unterschiedlich viel Gerbstoff. Starkes Zusammenziehen im Mund und ausgeprägte Bitterkeit zeigen, dass sie nicht essfertig sind. Rösten allein entfernt hohe Gerbstoffmengen nicht zuverlässig. Die Kerne werden geschält, die dünne braune Samenhaut möglichst entfernt und anschließend grob zerkleinert. Dadurch vergrößert sich die Oberfläche und das Auslaugen wird erheblich schneller.
Kalt auslaugen
Das Eichelschrot kommt in reichlich sauberes kaltes Wasser. Sobald das Wasser deutlich braun wird, wird es vollständig ersetzt. Das Verfahren wird fortgesetzt, bis eine kleine Probe nach dem Garen nicht mehr bitter oder pelzig-adstringierend schmeckt. Je feiner das Material und je höher das Wasserverhältnis, desto schneller läuft der Vorgang. Kaltes Auslaugen benötigt wenig Brennstoff, dauert aber meist mehrere Tage und verlangt kühle, hygienische Bedingungen.
Heiß auslaugen
Grob zerkleinerte Kerne werden in reichlich heißem Wasser gehalten. Das dunkel gefärbte Wasser wird wiederholt gegen frisches heißes Wasser ausgetauscht. Dieses Verfahren ist schneller, verbraucht aber deutlich mehr Brennstoff und Wasser. Die Stärke verkleistert dabei teilweise; das Material eignet sich danach eher für Brei, Fladen oder eine direkte Mahlzeit als für ein vielseitiges Mehl.
- Sortieren: Reife, schwere Eicheln ohne Bohrloch, Schimmel oder weiche Stellen auswählen. Eine Schwimmprobe ist nur eine Vorsortierung und ersetzt das Öffnen nicht.
- Schälen und prüfen: Jede Eichel öffnen. Dunkle, zerfressene, ranzig riechende oder verfärbte Kerne werden entfernt.
- Zerkleinern: Kerne grob hacken oder zerstoßen. Ganze Kerne laugen sehr langsam aus.
- Auslaugen: Kaltes oder heißes Verfahren wählen und Wasser so oft wechseln, bis die Adstringenz verschwunden ist.
- Fertig garen: Das ausgelaugte Material kochen, als Brei verwenden oder zu flachen Fladen ausbacken.
- Für Vorrat trocknen: Nasses Eichelmehl dünn ausbreiten und vollständig durchtrocknen. Feuchte Klumpen schimmeln sehr schnell.
Linde – Tilia-Arten
Sommer- und Winterlinde sind in Siedlungen, Parks, Alleen und Laubwäldern verbreitet. Ihre wechselständigen Blätter sind herzförmig, fein gesägt und am Blattgrund deutlich asymmetrisch. An den duftenden Blütenständen sitzt ein langes, helles und zungenförmiges Hochblatt. Dieses Merkmal bleibt später auch an den kleinen kugeligen Früchten sichtbar.
Sehr junge Lindenblätter sind weich, mild und durch Schleimstoffe leicht gleitend. Sie können eine Mahlzeit vergrößern oder als Hülle für eine energiereiche Füllung dienen. Mit zunehmendem Alter werden sie zäher. Blüten eignen sich als Aroma für einen Aufguss, tragen aber kaum zur Energieversorgung bei. Die kleinen Früchte sind arbeitsaufwendig und im Verhältnis zum Aufwand kein verlässlicher Nussersatz.
Birke – Betula-Arten und Frühjahrssaft
Birkensaft steigt im zeitigen Frühjahr, wenn der Boden aufgetaut ist und die Knospen noch nicht geöffnet sind. Das Zeitfenster ist kurz und verschiebt sich mit Region und Wetter. Der klare Saft enthält gewöhnlich nur wenig Zucker – häufig ungefähr ein Prozent, mit erheblichen Schwankungen. Ein Liter liefert deshalb nur einen kleinen Energiebeitrag. Das Einkochen zu Sirup verbraucht so viel Brennstoff, dass es für eine akute Notsituation meist unsinnig ist.
Eine Birke wird nicht allein an weißer Rinde bestimmt. Junge Bäume und manche Arten zeigen andere Rindenfarben. Zusätzlich werden die wechselständigen, gesägten Blätter oder Knospen, dünne Zweige und der gesamte Wuchs geprüft. Der Saft ist nur dann interessant, wenn ein sicher bestimmter, gesunder Baum vorhanden ist, die Saftbewegung tatsächlich eingesetzt hat und sauberes Auffangen möglich ist.
Praktische Einordnung der Saftgewinnung
Ein kleines sauberes Bohrloch bis knapp in das äußere Splintholz kann Saft liefern, erzeugt aber eine dauerhafte Verletzung und ist kein verlässlicher Wasserhahn. Ein passender lebensmittelechter Zapfer und ein abgedecktes Gefäß verhindern, dass Rinde, Insekten und Niederschlag in den Saft gelangen. Pro Baum wird nur eine kleine Stelle genutzt und die Entnahme beendet, sobald der Bedarf gedeckt ist. Erde, Moos, Stoff oder verschmutzte Holzstücke gehören nicht in die Wunde. Nach dem Entfernen des Zapfers verschließt und überwächst ein vitaler Baum die kleine Öffnung selbst; ein unsachgemäßer Stopfen kann Feuchtigkeit und Keime einschließen.
Frischer Birkensaft verdirbt schnell. Trübung, Schleim, Bläschen, gäriger oder auffälliger Geruch sind Ausschlusskriterien. Bei zweifelhafter Hygiene wird er abgekocht. Abkochen beseitigt jedoch keine chemische Belastung eines ungeeigneten Standortes.
Fichte und Kiefer – junge Triebe und Pollen
Junge Fichten- und Kiefernteile sind Würz- und Saisonprodukte, keine tragfähige Nahrung. Die hellgrünen, noch weichen Fichtentriebe schmecken säuerlich-harzig und können fein gehackt oder kurz als Aufguss verwendet werden. Ältere Nadeln sind zäh und liefern trotz ihres Aromas kaum verwertbare Energie. Kiefernpollen fällt nur während eines sehr kurzen Zeitfensters in nennenswerter Menge an. Er kann trockenen Teigen beigemischt werden, ist aber wegen des geringen praktischen Sammelertrags keine sichere Proteinstrategie.
Fichte, Kiefer und giftige Eibe unterscheiden
Innerer Bast als letzte Reserve
Der innere Bast bestimmter Kiefern wurde historisch getrocknet, geröstet und als Streckmittel vermahlen. Für eine akute Notsituation ist das Verfahren mühsam, faserreich und energetisch weit weniger ergiebig als Nüsse oder Eicheln. Wenn überhaupt, wird Material von einem frisch umgestürzten oder ohnehin gefällten, sicher bestimmten Baum genommen. Ein lebender Stamm wird niemals ringförmig entrindet, weil dadurch der Transport von Assimilaten unterbrochen und der Baum getötet werden kann.
Schwarzer Holunder – Sambucus nigra
Schwarzer Holunder wächst häufig in Hecken, an Waldrändern und in Siedlungsnähe. Die Blätter stehen einander gegenüber und sind unpaarig gefiedert, meist mit fünf bis sieben gesägten Fiederblättchen. Die cremeweißen, stark duftenden Blüten bilden breite, flache Schirmrispen. Reife Früchte sind glänzend schwarzviolett und hängen an rötlichen Stielen nach unten.
Blüten dienen vor allem als Aroma. Die Beeren liefern Saft, Säure, Farbe und etwas Zucker, müssen aber verarbeitet werden. Unreife grüne oder rote Früchte, Blätter, Rinde und grobe Stiele werden entfernt. Rohe Beeren können durch cyanogene Glycoside und weitere Inhaltsstoffe Übelkeit, Erbrechen und Durchfall verursachen. Die abgerebelten reifen Beeren werden mit wenig Wasser vollständig durchgekocht. Ein kurzes Anwärmen oder lediglich Übergießen reicht nicht.
Eberesche oder Vogelbeere – Sorbus aucuparia
Die Eberesche ist ein kleiner bis mittelgroßer Baum mit wechselständigen unpaarig gefiederten Blättern. Ein Blatt besteht meist aus neun bis neunzehn schmalen, am Rand gesägten Fiederblättchen. Die kleinen apfelartigen Früchte stehen in dichten Büscheln und reifen orange bis leuchtend rot.
Rohe Früchte sind durch Parasorbinsäure häufig stark bitter und können den Magen-Darm-Trakt reizen. Frost oder Einfrieren macht sie weicher und geschmacklich milder, ist aber kein Ersatz für die Zubereitung. Die Beeren werden vollständig erhitzt und zweckmäßig mit milderen Früchten oder einer energiereichen Grundlage gemischt. Die kleinen Samen werden nicht zermahlen und konzentriert gegessen.
Häufige Fehlentscheidungen
Aufbereiten und lagern
- Trocken vorsortieren: Leere Hüllen, Nüsse mit Bohrlöchern, weiche Früchte und sichtbar befallenes Material sofort entfernen.
- Feuchte Ernte belüften: Nüsse nicht im Sammelbeutel liegen lassen. Einlagig oder in einem Netz ausbreiten und regelmäßig wenden.
- Nur kleine Mengen öffnen: Kerne bleiben in intakter Schale länger geschützt. Bruch wird zuerst verbraucht.
- Eichelmasse vollständig trocknen: Nach dem Auslaugen dünn ausbreiten. Vor dem Verpacken müssen auch dickere Klumpen trocken sein.
- Fettreiche Kerne schützen: Kühl, dunkel, trocken und möglichst luftarm lagern. Wärme und Licht beschleunigen das Ranzigwerden.
- Gekochte Früchte rasch verbrauchen: Ohne sichere Konservierung oder Kühlung werden Holunder- und Vogelbeermus nur für den unmittelbaren Bedarf gekocht.
Wenn nach dem Essen Beschwerden auftreten
Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfall, Schwindel, ungewöhnliche Müdigkeit, Herzbeschwerden oder Bewusstseinsveränderungen nach einer Wildpflanzenmahlzeit werden ernst genommen. Bei schweren Beschwerden oder möglichem Verzehr von Eibe, Rosskastanie, Zwergholunder oder einer unbekannten Frucht wird sofort der Notruf 112 verständigt.
- Keine eigenmächtigen Brechversuche und keine vermeintlichen Hausmittel.
- Reste der Pflanze, Schalen, Früchte und die ungegessene Mahlzeit sichern.
- Fundort fotografieren und Zeitpunkt, Menge, Zubereitung sowie Beschwerden notieren.
- Bei leichteren unklaren Beschwerden zusätzlich ein Giftinformationszentrum kontaktieren.
