Essbare Wildpflanzen als Notnahrung – Wiesen- und Saumarten sicher nutzen
Wiesen, Waldränder, Gärten und nährstoffreiche Säume können in einer Notsituation schnell größere Mengen essbarer Blätter und Triebe liefern. Diese Pflanzen sind jedoch kein vollständiger Ersatz für energiereiche Nahrung. Ihr Nutzen liegt vor allem darin, eine knappe Ration zu vergrößern, einseitige Vorräte aufzuwerten und Geschmack in einfache Gerichte zu bringen. Energie liefern weiterhin vor allem Fett, Stärke, Nüsse, Samen, Wurzeln oder mitgeführte Lebensmittel.
Im Wildkräuter- und Heilpflanzen-Wochenende mit Christoph werden Bestimmungsmerkmale direkt an den Pflanzen verglichen. Welche Arten dabei vorkommen, hängt von Jahreszeit und Standort ab.
Vor dem Sammeln: vier schnelle Entscheidungen
Eine bekannte Pflanze wird zuerst in kleiner Menge gegessen, besonders wenn sie bisher selten auf dem Speiseplan stand. So lässt sich eine individuelle Unverträglichkeit erkennen, ohne die gesamte Mahlzeit unbrauchbar zu machen. Unbekannte Pflanzen werden nicht durch Probieren getestet.
Brennnessel – Urtica dioica
Brennnesseln bilden an nährstoffreichen Standorten oft große Bestände und liefern dadurch schnell viel Blattmasse. Typisch sind die paarweise gegenüberstehenden, deutlich gesägten Blätter. Stängel und Blätter tragen Brennhaare. Die Pflanze wird nicht über ein einzelnes Merkmal bestimmt, sondern über die Kombination aus Blattstellung, Blattform, Behaarung und Wuchs.
Am besten eignen sich die oberen jungen Blattpaare vor oder während der frühen Blüte. Später werden die Blätter gröber und die Stängel faserig. Junge Seitentriebe können nachwachsen und erneut genutzt werden. Die herabhängenden weiblichen Samenstände lassen sich später im Jahr abstreifen, trocknen und als kleine Zugabe verwenden. Sie ersetzen keine ölreichen Nüsse oder größeren Samenmengen.
Vogelmiere – Stellaria media
Vogelmiere wächst niedrig und verzweigt, oft in dichten, saftigen Matten. Die kleinen eiförmigen Blätter stehen einander gegenüber. Besonders hilfreich ist eine feine Haarlinie, die abschnittsweise nur an einer Seite des Stängels verläuft. Die weißen Blüten besitzen fünf tief eingeschnittene Kronblätter und sehen deshalb aus, als hätten sie zehn schmale Blütenblätter.
Die weichen Triebspitzen sind mild und können roh gegessen werden, wenn Standort und Waschwasser hygienisch einwandfrei sind. In einer unklaren Lage ist kurzes Erhitzen die robustere Lösung. Die Pflanze fällt rasch zusammen und wird deshalb erst am Ende in Suppe oder Brei gegeben.
Spitzwegerich – Plantago lanceolata
Spitzwegerich wächst als bodennahe Rosette. Seine schmalen, lanzettlichen Blätter besitzen mehrere kräftige, nahezu parallel verlaufende Längsnerven. Wird ein Blatt quer auseinandergezogen, bleiben diese Nerven häufig als zähe Fasern stehen. Die Blütenähren sitzen auf langen, blattlosen und längs gefurchten Stielen.
Junge Blätter sind deutlich angenehmer als alte. Mit zunehmendem Alter werden die Längsnerven zäh und müssen sehr fein geschnitten oder entfernt werden. Noch geschlossene, feste Blütenstände können mitgegart werden; ihr manchmal pilzartig beschriebenes Aroma ist eine Würzkomponente, kein nennenswerter Energielieferant.
Löwenzahn – Taraxacum officinale agg.
Löwenzahn ist häufig, gut nutzbar und in verschiedenen Wachstumsstadien verfügbar. Seine gezähnten Blätter bilden eine grundständige Rosette. Aus der Rosette wachsen hohle, unverzweigte und blattlose Blütenstiele, die jeweils einen gelben Blütenkorb tragen. Blätter, Stiele und Wurzel führen weißen Milchsaft. Die genaue Form der Blattzähne variiert stark und ist allein kein ausreichendes Merkmal.
Junge Blätter sind weniger bitter als ältere. Kurzes Blanchieren mildert die Bitterkeit, entzieht dem Pflanzenmaterial aber auch wasserlösliche Bestandteile. In einer Mangellage kann das Kochwasser deshalb als Suppengrundlage weiterverwendet werden, sofern es geschmacklich verträglich und hygienisch unbedenklich ist. Gereinigte Wurzeln lassen sich klein schneiden und weich kochen oder nach dem Trocknen rösten. Sie bleiben faserig und liefern nicht die Energiemenge klassischer stärkereicher Wurzeln.
Sauerampfer – Rumex acetosa
Sauerampfer bringt Säure in eine ansonsten fade Mahlzeit. Die unteren Blätter sind länglich bis pfeilförmig und besitzen deutlich nach hinten gerichtete Basallappen. Die oberen Blätter sitzen näher am Stängel und können ihn umfassen. Später erscheint ein lockerer, oft rötlich überlaufener Blütenstand.
Der saure Geschmack stammt vor allem von Oxalsäure und Oxalaten. Deshalb eignet sich Sauerampfer als kleine Würz- und Säurezugabe, nicht als große Portion Hauptgemüse. Menschen mit Nierenerkrankungen, Neigung zu Calciumoxalatsteinen oder ärztlich verordneter oxalatarmer Ernährung verzichten darauf. Das Kochwasser wegzugießen kann lösliche Oxalate vermindern, verbraucht in einer Notsituation aber zusätzlich Wasser und Energie.
Schafgarbe – Achillea millefolium
Schafgarbe ist kein Massengemüse, sondern ein kräftiges Würzkraut. Die wechselständigen Blätter sind mehrfach und sehr fein gefiedert. Der scheinbar geschlossene weiße Blütenschirm besteht aus zahlreichen kleinen Korbblüten und ist botanisch keine echte Dolde. Beim Zerreiben riecht die Pflanze aromatisch und schmeckt deutlich bitter.
Junge, zarte Blätter können fein gehackt in Brei, Suppe oder Gemüse gegeben werden. Ältere Blätter und Blüten sind wesentlich kräftiger. Schon eine kleine Menge reicht, um ein Gericht zu würzen. Bei bekannter Allergie gegen Korbblütler wird Schafgarbe nicht verwendet.
Giersch – Aegopodium podagraria
Giersch kann große, dichte Bestände bilden und liefert vor allem im Frühjahr viele zarte Blätter. Er gehört jedoch zu den Doldenblütlern, zu denen auch stark giftige Arten zählen. Die verbreitete Kurzformel „dreimal drei“ ist als Bestimmung nicht ausreichend. Junge Blätter sind zudem noch nicht vollständig entfaltet und dadurch besonders leicht fehlzuordnen.
Ein typisches Gierschblatt ist mehrfach gegliedert. Die unteren Teilblätter sind nochmals geteilt, das endständige Teilblatt ist größer. Der Blattstiel ist im Querschnitt dreikantig bis rinnig und umfasst den Stängel mit einer Blattscheide. Der Wuchs erfolgt häufig flächig aus unterirdischen Ausläufern. Erst das gemeinsame Bild dieser Merkmale erlaubt eine belastbare Bestimmung.
Gundermann – Glechoma hederacea
Gundermann bildet lange kriechende Triebe, die an den Knoten wurzeln können. Die rundlichen bis nierenförmigen Blätter stehen paarweise gegenüber und besitzen einen gekerbten Rand. Die violettblauen Lippenblüten sitzen in den Blattachseln. Der vierkantige Stängel weist auf die Familie der Lippenblütler hin, ist für sich allein aber kein Artmerkmal.
Das kräftige, herb-würzige Aroma begrenzt die sinnvolle Menge. Einige fein gehackte Blätter können eine Suppe oder einen Brei deutlich verändern; eine Schüssel Gundermann als Gemüse wäre geschmacklich kaum sinnvoll. Dadurch ist die Pflanze eher ein Gewürz als Notnahrung im engeren energetischen Sinn.
Knoblauchsrauke – Alliaria petiolata
Knoblauchsrauke wächst häufig an halbschattigen Säumen und unter Hecken. Im ersten Jahr bildet sie eine bodennahe Rosette mit rundlichen bis nierenförmigen, gekerbten Blättern. Im zweiten Jahr steigt ein Stängel empor; die oberen Blätter werden dreieckiger und stärker zugespitzt. Die kleinen weißen Blüten besitzen vier Kronblätter in Kreuzform. Zerdrückte Blätter riechen knoblauchartig, doch der Geruch ergänzt nur die sichtbaren Merkmale.
Junge Blätter und Blüten können als würzige Zugabe dienen. Langes Kochen schwächt das Knoblaucharoma. Wegen natürlicher Pflanzenstoffe, darunter cyanogene Verbindungen, wird Knoblauchsrauke nicht in großen rohen Portionen gegessen. Als kleine Würzmenge in einem gekochten Gericht ist sie zweckmäßiger.
Bärlauch – Allium ursinum
Bärlauch wächst im Frühjahr oft in großen Teppichen. Genau diese Massenbestände erhöhen die Gefahr, einzelne Blätter von Maiglöckchen, Herbstzeitlose oder Aronstab unbemerkt mitzugreifen. Jedes Blatt wird deshalb einzeln angesehen und gepflückt. Ein Bündel wird nicht mit einer Hand abgeschnitten.
Beim Bärlauch entspringt jedes weiche Blatt einzeln aus dem Boden und besitzt einen klar erkennbaren Blattstiel. Die Oberseite ist glänzender, die Unterseite eher matt. Die Blattfläche ist dünn und lässt sich leicht umknicken. Später bilden sich weiße, sternförmige Blüten in einem kugelig wirkenden Blütenstand. Knoblauchgeruch ist typisch, aber als alleinige Prüfung unsicher: Nach dem ersten zerdrückten Blatt riechen Hände und Sammelgefäß ebenfalls nach Knoblauch.
Bärlauch von den wichtigsten Doppelgängern trennen
Welche Pflanze erfüllt welchen Zweck?
Die sinnvollste Mischung besteht nicht aus möglichst vielen Arten, sondern aus wenigen sicher bestimmten Pflanzen mit unterschiedlichen Aufgaben. So bleibt die Kontrolle überschaubar und das Gericht wird weder zu bitter noch zu aromatisch.
Blattmasse
Brennnessel, Vogelmiere, junge Löwenzahnblätter und sicher bestimmter Giersch liefern vergleichsweise viel verwendbares Grün. Sie bilden den pflanzlichen Hauptanteil einer Mahlzeit, bleiben aber energiearm.
Struktur und Säure
Spitzwegerich gibt fein geschnitten etwas Biss. Sauerampfer liefert in kleiner Menge Säure und kann fehlenden Essig geschmacklich teilweise ersetzen.
Würze
Schafgarbe, Gundermann, Knoblauchsrauke und Bärlauch werden sparsam eingesetzt. Ihr Wert liegt im kräftigen Geschmack, nicht in der Menge oder im Energiegehalt.
Reinigen und zubereiten, wenn Wasser und Brennstoff knapp sind
- Bereits beim Pflücken sortieren: Nur saubere, unbeschädigte Pflanzenteile mitnehmen. Erde, harte Stängel und Fremdpflanzen bleiben am Fundort. Das spart später Wasser.
- Arten getrennt halten: Besonders Giersch und Bärlauch kommen in eigene Behälter. Vor der Zubereitung wird jedes Pflanzenteil noch einmal kontrolliert.
- Trocken vorreinigen: Ausschütteln, Insekten ablesen und anhaftende Erde abstreifen. Erst danach mit sauberem Wasser waschen.
- Waschwasser richtig nutzen: Trinkwasser wird nicht durch sichtbar verschmutzte Pflanzen gezogen. Bei knapper Menge zuerst relativ saubere Pflanzen und zuletzt erdige Teile waschen. Das Waschwasser ist anschließend kein Trinkwasser.
- Ein-Topf-Verfahren: Harte oder faserige Teile zuerst garen, zarte Pflanzen später zugeben und Würzkräuter am Ende einrühren. So genügt ein Gefäß und das Gericht wird nicht unnötig lange erhitzt.
- Energie ergänzen: Fett, Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse oder sichere stärkereiche Pflanzenteile werden mit dem Grün kombiniert. Eine kleine Fettmenge verbessert zusätzlich die Aufnahme fettlöslicher Vitamine.
Was Waschen und Kochen nicht leisten
Waschen entfernt Erde, Kleintiere und einen Teil oberflächlicher Verschmutzungen. Es entfernt keine aufgenommenen Schwermetalle und macht gespritzte oder chemisch belastete Standorte nicht sicher. Erhitzen senkt viele mikrobielle Risiken, neutralisiert aber Pflanzengifte nicht zuverlässig. Eine falsch bestimmte Pflanze wird durch Kochen nicht essbar.
Mit wenigen Zutaten eine belastbare Mahlzeit aufbauen
Kurzfristig aufbewahren
Frisches Wildgrün verdirbt schnell. Es wird locker, schattig und möglichst kühl gelagert, nicht warm in einen luftdichten Beutel gepresst. Welkende Pflanzen können noch am selben Tag gekocht werden; schleimige, gärig riechende oder schimmelige Teile werden entsorgt.
- Für den nächsten Tag: ungereinigt und locker in ein leicht feuchtes Tuch einschlagen, kühl lagern und erst kurz vor der Verwendung waschen.
- Trocknen: dünn, schattig und luftig ausbreiten. Vor allem Würzkräuter eignen sich; dicke, wasserreiche Blattmassen trocknen langsam und schimmeln leicht.
- Gegarte Reste: ohne sichere Kühlung nicht für mehrere Tage einplanen. Kleine Mengen frisch zubereiten.
- Ölpasten: frische Kräuter in Öl sind ohne Kühlung keine sichere Konservierung. Besonders luftdicht gelagerte Mischungen können mikrobiologisch problematisch werden.
Wenn nach dem Essen Beschwerden auftreten
Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfall, Schwindel, Sehstörungen, ungewöhnlicher Speichelfluss, Herzbeschwerden oder Bewusstseinsveränderungen nach einer Wildpflanzenmahlzeit werden ernst genommen. Nicht abwarten, bis die Beschwerden stark sind.
- Bei schweren Beschwerden, Atemproblemen, Krampfanfällen, Bewusstseinsstörungen oder Verdacht auf Herbstzeitlose, Maiglöckchen oder Schierling sofort den Notruf 112 verständigen.
- Keine eigenmächtigen Brechversuche auslösen und keine vermeintlichen Gegenmittel geben.
- Pflanzenreste, ungegessene Mahlzeit und Fotos des Fundortes sichern. Sie können die Bestimmung und Behandlung beschleunigen.
- Zeitpunkt, gegessene Menge, Zubereitung und erste Symptome notieren. Bei leichteren unklaren Beschwerden zusätzlich ein Giftinformationszentrum kontaktieren.
