Survival-Mythen – wenn Halbwissen gefährlich wird
Survival-Mythen sind selten vollständig erfunden. Meist steckt ein richtiger Gedanke darin, der aus seinem Zusammenhang gerissen und zur allgemeinen Regel erklärt wurde. Genau das macht solche Aussagen gefährlich: Sie klingen einfach, lassen sich gut merken und versagen ausgerechnet dann, wenn Kälte, Nässe, Erschöpfung oder Zeitdruck jede Fehlentscheidung verschärfen.
In einer Survivalsituation zählt deshalb nicht die spektakulärste Technik, sondern die passende Entscheidung für die konkrete Lage. Dieselbe Handlung kann bei trockenem Sommerwetter sinnvoll und bei Sturm, Hochwasser oder Unterkühlung falsch sein. Dieser Beitrag ordnet verbreitete Behauptungen für Mitteleuropa ein und zeigt jeweils, woran Du die Lage erkennst und was praktisch zu tun ist.
Die wichtigste Prüffrage lautet: Welches unmittelbare Problem soll diese Handlung lösen – und welches neue Problem kann sie verursachen? Wer dafür keine klare Antwort hat, sollte keine knappe Energie, kein Trinkwasser und keine sichere Position dafür einsetzen.
Warum sich falsche Survival-Regeln so hartnäckig halten
Auch bekannte Unglücksfälle werden häufig auf eine einzige Pflanze, einen einzigen Orientierungsfehler oder einen fehlenden Ausrüstungsgegenstand reduziert. Solche Erzählungen eignen sich kaum als Anleitung. Für die eigene Entscheidung ist wichtiger, mehrere gleichzeitig wirkende Faktoren zu erkennen: Kaloriendefizit, Verletzung, Wetterumschwung, fehlende Verbindung, falsche Routenwahl und die zunehmende geistige Erschöpfung.
1. Mythen über Prioritäten und Entscheidungen
Mythos 1: Die Dreierregel gibt immer die richtige Reihenfolge vor
Was stimmt:Die bekannte Dreierregel erinnert daran, dass Atmung, Körpertemperatur, Wasser und Nahrung unterschiedlich dringlich sind. Sie ist eine Merkhilfe, aber keine Uhr und kein Ablaufplan.
Was fehlt:Eine starke Blutung duldet keinen Aufschub. Bei einem Gewitter auf freiem Höhenzug ist der Standort dringlicher als Wasser. Nach einem Einbruch in kaltes Wasser kann Auskühlung innerhalb kurzer Zeit das Denken und die Bewegungsfähigkeit beeinträchtigen. In Hitze kann Wassermangel dagegen sehr früh zum Hauptproblem werden.
Praktische Entscheidung:Prüfe zuerst unmittelbare Gefahren, schwere Verletzungen, Schutz vor Kälte oder Hitze, Verbindung und Rettungsmöglichkeit. Danach folgen Wasser, Energie und längerfristige Versorgung. Diese Reihenfolge wird nach jeder deutlichen Lageänderung neu bewertet.
Mythos 2: Feuer ist in jeder Survivalsituation die erste Aufgabe
Was stimmt:Feuer kann wärmen, Wasser abkochen, Kleidung trocknen, Licht geben und ein Signal erzeugen. Bei trockener Zündhilfe, geeignetem Brennstoff und einem geschützten Platz ist es äußerst wertvoll.
Was fehlt:Im Sturm, bei starkem Regen oder mit durchnässtem Holz kann der Aufbau lange dauern und viel Kraft kosten. Währenddessen bleibt der Körper Wind und Nässe ausgesetzt. Ein Feuer ohne Isolation gegen den Boden und ohne Windschutz ersetzt keinen Notshelter.
Praktische Entscheidung:Stoppe zuerst den Wärmeverlust: Wind brechen, Bodenkontakt isolieren, nasse Kleidung soweit möglich wechseln und einen Notshelter herstellen. Feuer folgt, sobald Material, Zeit und Zustand der Person eine realistische Erfolgschance bieten.
Mythos 3: Wer sich verirrt hat, muss nur entschlossen weitergehen
Was stimmt:Eine gezielte Bewegung kann richtig sein, wenn Du den letzten sicher bestimmten Punkt kennst, eine kurze Rückkehr dorthin möglich ist und Wetter sowie Tageslicht ausreichend Reserven lassen.
Was fehlt:Zielloses Weitergehen vergrößert das Suchgebiet, verbraucht Energie und führt häufig in schlechteres Gelände. Unter Stress wird aus einer vermuteten Richtung schnell eine scheinbare Gewissheit.
Praktische Entscheidung:Halte an. Bestimme den letzten sicheren Punkt, prüfe Karte, Gelände, Zeit, Wetter und Akkustand. Setze bei möglicher Verbindung einen Notruf ab und übermittle Koordinaten sowie erkennbare Geländemerkmale. Ist keine sichere Route begründbar, bleibe an einem geschützten, auffindbaren Platz und bereite Signale vor.
Mythos 4: Nahrung spielt wochenlang überhaupt keine Rolle
Was stimmt:Ein gesunder Mensch stirbt nicht nach einem ausgelassenen Essen. In vielen kurzen Notlagen stehen Schutz, Erste Hilfe, Rettung und Wasser deutlich vor der Nahrungssuche.
Was fehlt:Lange vor einem lebensbedrohlichen Verhungern sinken Leistungsfähigkeit, Konzentration, Wärmeproduktion und Fehlertoleranz. Kälte, schwere Arbeit, Krankheit, sehr geringer Körperfettanteil oder Diabetes verändern die Lage zusätzlich.
Praktische Entscheidung:Nutze vorhandene, sicher bekannte und ohne großen Aufwand erreichbare Nahrung frühzeitig. Beginne aber keine stundenlange Jagd, riskante Kletterei oder unsichere Pflanzenprobe, solange Schutz, Wasser, Signalgebung oder Verletzungen ungelöst sind.
2. Mythen über Trinkwasser
Mythos 5: Urin ist eine brauchbare Trinkwasserreserve
Was stimmt:Frischer Urin besteht zu einem großen Teil aus Wasser. Daraus folgt jedoch nicht, dass er eine verlorene Wasserreserve sinnvoll ersetzt.
Was fehlt:Die Nieren scheiden Harnstoff und Salze aus. Mit zunehmender Dehydrierung wird der Urin konzentrierter. Der Körper müsste die aufgenommenen Stoffe erneut ausscheiden und dafür wieder Wasser einsetzen. Mehrmaliges Trinken verschlechtert dieses Verhältnis weiter; außerdem kommen Verunreinigung und Erbrechen als zusätzliche Risiken hinzu.
Praktische Entscheidung:Urin nicht trinken. Nutze Zeit und Behälter für Regenwasser, Tau, eine bekannte Quelle oder die Aufbereitung erreichbaren Oberflächenwassers. Wasserverluste werden zugleich durch Schatten, Windschutz, geringe Belastung und angepasste Bewegung reduziert.
Mythos 6: Klares, schnell fließendes Wasser ist automatisch sicher
Was stimmt:Ein kühler Quellzulauf kann günstiger sein als stehendes, warmes Wasser. Aussehen, Geruch und Strömung zeigen jedoch nicht zuverlässig, ob Krankheitserreger vorhanden sind.
Was fehlt:Oberhalb können Weidetiere, Wild, Abwasser, ein verendetes Tier oder menschliche Nutzung das Wasser belasten. Auch optisch klares Wasser kann Parasiten, Bakterien oder Viren enthalten.
Praktische Entscheidung:Entnimm möglichst nahe an einer ergiebigen Quelle und oberhalb erkennbarer Belastungen. Trübes Wasser vorfiltern und absetzen lassen. Anschließend mit einer geeigneten Methode behandeln – bevorzugt abkochen oder mit einem dafür ausgelegten Filter plus erforderlicher Desinfektion.
Mythos 7: Ein Tuch-, Sand- oder Holzkohlefilter macht Wasser trinkbar
Was stimmt:Ein dichtes Tuch, Kaffeefilter oder improvisierter Schichtfilter kann Blätter, Schwebstoffe und einen Teil der Trübung entfernen. Das verbessert die nachfolgende Behandlung.
Was fehlt:Vorfiltern ist keine Desinfektion. Krankmachende Mikroorganismen sind zu klein, um von einem einfachen Tuch zuverlässig zurückgehalten zu werden. Improvisierte Holzkohle ist zudem nicht dasselbe wie kontrolliert hergestellte Aktivkohle.
Praktische Entscheidung:Behandle den Tuchfilter nur als Vorstufe. Koche das Wasser anschließend sprudelnd ab oder verwende ein geprüftes Filtersystem entsprechend seiner angegebenen Leistung. Nicht jeder Trekkingfilter entfernt Viren; die Herstellerangaben zu Porengröße und Erregergruppen sind entscheidend.
Mythos 8: Abkochen beseitigt jede Art von Verunreinigung
Was stimmt:Sprudelndes Abkochen ist eine sehr zuverlässige Methode gegen infektiöse Erreger. Als praktische Orientierung gilt mindestens eine Minute; ab etwa 2.000 Metern Höhe wird länger gekocht.
Was fehlt:Abkochen entfernt weder Kraftstoffe noch Schwermetalle, Pestizide, radioaktive Stoffe oder viele natürliche Giftstoffe. Durch Verdampfung kann sich die Konzentration nichtflüchtiger Stoffe sogar erhöhen.
Praktische Entscheidung:Meide Wasser mit Ölfilm, chemischem Geruch, auffälliger Färbung, toten Tieren, Bergbau- oder Industrieeinfluss. Ist nur eine chemisch verdächtige Quelle vorhanden, ist ein Ortswechsel oder Rettungssignal sinnvoller als wiederholtes Abkochen.
Mythos 9: Schnee kann ohne Weiteres wie Wasser gegessen werden
Was stimmt:Sauberer Schnee liefert nach dem Schmelzen Wasser. Eine kleine Menge ist für eine warme, stabile Person nicht automatisch gefährlich.
Was fehlt:Lockerer Schnee enthält viel Luft und ergibt deutlich weniger Wasser, als sein Volumen vermuten lässt. Große Mengen kalten Schnees kühlen Mund und Körper, fördern bei bereits frierenden Personen weiteren Wärmeverlust und können das Trinken erschweren.
Praktische Entscheidung:Schnee möglichst schmelzen und leicht erwärmen. Im Topf zuerst eine kleine Menge flüssiges Wasser erhitzen und dann portionsweise Schnee ergänzen, damit der Topfboden nicht trocken überhitzt. Bei unterkühlten Personen zählt Wärmeerhalt; sie bekommen kein kaltes Schneewasser eingeflößt.
Wenn Trinken und Wasserqualität gegeneinander stehen
Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Bei deutlicher Dehydrierung kann unbehandeltes Oberflächenwasser das kleinere unmittelbare Risiko sein als weiteres Nichttrinken; bei einer leicht erreichbaren Alternative wäre dieselbe Entscheidung unnötig. Prüfe Zeit bis zur Hilfe, Temperatur, Leistungszustand, sichtbare Belastungen und vorhandene Aufbereitungsmittel. Chemisch verdächtiges Wasser bleibt eine andere Gefahrenklasse als mikrobiologisch unsicheres Wasser.
3. Mythen über Orientierung und Gelände
Mythos 10: Moos zeigt zuverlässig nach Norden
Was stimmt:Moose bevorzugen häufig feuchte, länger schattige Stellen. An manchen frei stehenden Bäumen kann eine Seite deshalb stärker bewachsen sein.
Was fehlt:Feuchtigkeit hängt auch von Kronendach, Hanglage, Rinde, Niederschlag, Bachnähe und Wind ab. Im Wald wächst Moos häufig auf mehreren Seiten oder dort am stärksten, wo lokale Bedingungen passen – nicht dort, wo Norden liegt.
Praktische Entscheidung:Moos niemals als alleinigen Richtungsgeber verwenden. Kombiniere Sonnenstand, markante Geländeformen, Höhenverlauf, Gewässer, Wege und – sofern vorhanden – Karte und Kompass. Widersprechen sich die Hinweise, gilt keiner als bestätigt.
Mythos 11: Ein Kompass zeigt immer exakt nach Kartennorden
Was stimmt:Die Magnetnadel richtet sich am örtlichen Magnetfeld aus. Unter störungsfreien Bedingungen liefert ein funktionierender Kompass eine verlässliche magnetische Richtung.
Was fehlt:Magnetisch Nord, geografisch Nord und das Nord des Kartengitters sind nicht überall identisch. Die Missweisung, auch Deklination genannt, verändert sich mit Ort und Zeit. Fahrzeuge, Stromleitungen, Lautsprecher, Smartphones, Magnete, Stahlteile und selbst ein danebenliegendes Messer können die Nadel ablenken.
Praktische Entscheidung:Peile mit Abstand zu Metall und Elektronik. Prüfe die Nadel an einem zweiten Standort und gleiche die Richtung mit dem Gelände ab. Den aktuellen Wert der Missweisung kannst Du vor der Tour oder bei vorhandener Verbindung mit dem Deklinationsrechner bestimmen. Bei präziser Kartenarbeit müssen zusätzlich Kartengitter und Kartenangaben beachtet werden.
Mythos 12: Wer einem Bach oder Fluss abwärts folgt, erreicht sicher Menschen
Was stimmt:Siedlungen, Straßen und Wege liegen in Mitteleuropa häufig in Tälern. Ein Gewässer kann daher eine verständliche Leitlinie und auf der Karte ein gut erkennbares Merkmal sein.
Was fehlt:Der direkte Uferweg kann in Schluchten, Steilufer, Sümpfe, dichten Bewuchs, Wehre oder Hochwasserbereiche führen. Das Gewässer kann sich weit von der nächsten zugänglichen Straße entfernen. Ein erzwungener Abstieg kostet oft mehr Kraft als eine sichere Höhenlinie oder ein vorhandener Weg.
Praktische Entscheidung:Nutze den Wasserlauf als Orientierungslinie, nicht als Marschbefehl. Prüfe parallel verlaufende Wege, Talform, Uferwechsel und Ausstiegsmöglichkeiten. Kehre um, bevor Du Dich in Gelände bindest, das einen Rückweg erschwert.
Mythos 13: Wildwechsel führen immer zur nächsten Wasserstelle
Was stimmt:Tiere nutzen wiederkehrende Wege zwischen Deckung, Nahrung, Ruheplätzen und Wasser. Ein stark begangener Wechsel kann deshalb eine Wasserstelle kreuzen.
Was fehlt:Aus der Spur allein lässt sich weder Ziel noch Richtung ablesen. In Kulturlandschaften führen Wildwechsel ebenso zu Feldern, Salzlecken, Einständen, Straßenquerungen oder unter Zäunen hindurch.
Praktische Entscheidung:Spuren sind ein zusätzlicher Hinweis. Aussagekräftiger sind Geländevertiefungen, feuchte Vegetation, Zuläufe, Brunnenzeichen auf der Karte und hörbares Wasser. Verlasse für eine unbestätigte Spur keinen sicheren Standort und keine bekannte Route.
4. Mythen über Kälte, Wärme und Gewitter
Mythos 14: Alkohol wärmt den Körper
Was stimmt:Alkohol erweitert oberflächliche Blutgefäße. Dadurch fühlt sich die Haut kurzfristig wärmer an.
Was fehlt:Gerade diese stärkere Hautdurchblutung beschleunigt den Wärmeverlust. Gleichzeitig verschlechtern sich Urteilsvermögen, Koordination und die Wahrnehmung von Kälte. Das warme Gefühl täuscht über die ungünstige Entwicklung hinweg.
Praktische Entscheidung:Keinen Alkohol zur Erwärmung einsetzen. Windschutz, trockene Isolation, Unterlage, eine geschützte Wärmequelle am Rumpf und warme zuckerhaltige Getränke bei klarem Bewusstsein sind sinnvoller.
Mythos 15: Eine Rettungsdecke erzeugt Wärme
Was stimmt:Eine Rettungsdecke kann Wärmestrahlung zurückwerfen, Wind bremsen und als Teil einer dampf- oder wasserdichten Hülle dienen. Sie ist leicht und benötigt wenig Platz.
Was fehlt:Die Folie erzeugt keine Wärme und isoliert kaum gegen kalten Boden. Eng auf nasse Kleidung gepresst kann sich Kondenswasser sammeln. Bei Wind reißt oder flattert sie, wenn sie nicht geschützt und fixiert wird.
Praktische Entscheidung:Lege zuerst trockene, luftige Isolation um die Person und trenne sie mit Rucksack, Zweigen, Kleidung oder Matte vom Boden. Die Rettungsdecke bildet anschließend die wind- und nässebremsende Außenlage. Gesicht und Atemweg bleiben frei.
Mythos 16: Erfrierte Finger oder Zehen werden kräftig gerieben
Was stimmt:Gefrorenes Gewebe muss vor weiterem Wärmeverlust und zusätzlicher Verletzung geschützt werden.
Was fehlt:Reiben, Massieren oder Abreiben mit Schnee kann das Gewebe weiter schädigen. Direkte Hitze von Feuer, Kocher, Heizkissen oder heißen Steinen verursacht an gefühlloser Haut leicht Verbrennungen. Auftauen mit anschließendem Wiedergefrieren verschlechtert die Verletzung erheblich.
Praktische Entscheidung:Schmuck entfernen, betroffene Stellen locker und trocken polstern und nicht unnötig belasten. Nur dann aktiv auftauen, wenn ein erneutes Gefrieren sicher verhindert werden kann: in zirkulierendem Wasser von etwa 37 bis 39 °C, bis das Gewebe weich ist. Bei unsicherem Schutz vor Wiedergefrieren steht die schonende Evakuation im Vordergrund.
Mythos 17: Bei Gewitter legt man sich flach hin oder wartet in der Gewitterhocke
Was stimmt:Auf einer kleinen Standfläche zu bleiben, kann die mögliche Schrittspannung gegenüber flachem Liegen verringern. Daraus wurde früher die Gewitterhocke als Standardempfehlung abgeleitet.
Was fehlt:Es gibt im Freien keine sichere Körperhaltung gegen Blitzschlag. Flaches Hinlegen vergrößert den Kontakt zum Boden und damit das Risiko durch Bodenstrom. Die Gewitterhocke bindet Zeit, in der noch ein wesentlich sichererer Schutz erreicht werden könnte.
Praktische Entscheidung:Gehe frühzeitig in ein festes Gebäude oder ein geschlossenes Fahrzeug mit Metalldach. Wenn das nicht erreichbar ist, verlasse Gipfel, Grate, freie Flächen, Gewässer, einzelne hohe Bäume, Metallzäune und Klettersteige. Gruppen verteilen sich mit Abstand, damit nicht alle gleichzeitig betroffen sind. Erst 30 Minuten nach dem letzten Donner wird der Schutz verlassen.
5. Mythen über Notnahrung
Mythos 18: Mit einer Geschmacksprobe lässt sich jede Pflanze testen
Was stimmt:Geruch, Geschmack und Pflanzenmerkmale sind Bestandteile einer sicheren Bestimmung – aber nur zusammen mit belastbarem Vorwissen über eine konkrete Art.
Was fehlt:Es gibt keinen universellen Essbarkeitstest, der unbekannte Pflanzen zuverlässig freigibt. Manche Giftstoffe wirken verzögert; kleine Mengen können bereits problematisch sein. Andere Pflanzen verursachen erst nach wiederholtem Verzehr oder falscher Zubereitung Beschwerden.
Praktische Entscheidung:Iss nur Arten, die zweifelsfrei bestimmt sind und deren verwendbarer Pflanzenteil sowie nötige Zubereitung bekannt sind. „Nicht bitter“, „riecht angenehm“ oder „brennt nicht auf der Lippe“ ist kein Sicherheitsnachweis. Unbekannte Pilze werden grundsätzlich nicht ausprobiert.
Mythos 19: Was Tiere fressen, ist auch für Menschen verträglich
Was stimmt:Fraßspuren können zeigen, dass eine Pflanze oder Frucht für eine Tierart als Nahrung dient.
Was fehlt:Verdauung und Giftstofftoleranz unterscheiden sich erheblich. Vögel und Säugetiere können Pflanzenteile fressen, die für Menschen unbekömmlich oder giftig sind. Außerdem ist oft nicht erkennbar, welches Tier die Spur verursacht und welcher Teil tatsächlich aufgenommen wurde.
Praktische Entscheidung:Tierfraß niemals als Freigabe verwenden. Bestimme Art, Pflanzenteil und Zubereitung unabhängig. Das gilt auch für Beeren, Samen, Wurzeln und Baumrinde.
Mythos 20: Fisch ist eine leicht verfügbare Notnahrung
Was stimmt:Ein Gewässer kann verwertbare tierische Nahrung bieten. Mit Ortskenntnis, passender Ausrüstung und Erfahrung kann der Fang effizient sein.
Was fehlt:Ein sichtbarer Fischbestand sagt wenig über die Fangwahrscheinlichkeit. Wassertemperatur, Tageszeit, Strömung, Köder, Tiefe und Artverhalten entscheiden mit. Aktives Angeln kann viele Stunden ohne Ertrag kosten; Waten und nasse Kleidung erhöhen zusätzlich das Kälterisiko.
Praktische Entscheidung:Fischfang ist nur sinnvoll, wenn Schutz und Wasser gesichert sind, ein geeigneter Platz erkennbar ist und die Methode nebenbei kontrolliert werden kann. Setze dafür keine letzte Schnur, keine trockene Kleidung und keine sichere Position aufs Spiel.
6. Mythen über Verletzungen und Erste Hilfe
Mythos 21: Schlangengift muss ausgesaugt oder herausgeschnitten werden
Was stimmt:Ein Schlangenbiss kann eine dringliche medizinische Lage sein. Schnelles, geordnetes Handeln ist wichtig.
Was fehlt:Schneiden, Aussaugen, Abbinden, Eis und elektrische Reize entfernen das Gift nicht zuverlässig und können Blutgefäße, Nerven und Gewebe zusätzlich schädigen. Hektisches Laufen beschleunigt die Verteilung im Körper.
Praktische Entscheidung:Abstand zur Schlange herstellen, Person beruhigen, Bewegung begrenzen und die betroffene Gliedmaße möglichst ruhigstellen. Ringe, Uhren und enge Gegenstände früh entfernen. Notruf 112 absetzen und den Transport organisieren. Die Schlange wird weder gefangen noch verfolgt; ein Foto ist nur aus sicherer Entfernung sinnvoll und für die Behandlung nicht zwingend.
Mythos 22: Kleine Verletzungen können bis zur Rettung ignoriert werden
Was stimmt:Bei einer akuten Lebensgefahr haben kleine Schnitte, Blasen und Scheuerstellen nicht die erste Priorität.
Was fehlt:Eine kleine Fußverletzung kann die Gehfähigkeit beenden. Feuchte, Schmutz und dauernde Reibung vergrößern Hautschäden rasch. Eine eingeschränkte Hand erschwert Feuer, Shelter, Wasseraufbereitung und Signalgebung.
Praktische Entscheidung:Nach der Kontrolle unmittelbarer Gefahren werden Wunden gereinigt, Blutungen gestillt, Blasen entlastet gepolstert und nasse Verbände gewechselt. Prüfe anschließend, ob die geplante Route noch zum tatsächlichen Zustand passt.
Vier Mythen mit besonders kurzer Fehlertoleranz
- „Feuer zuerst“: kann bei Wind und Nässe wertvolle Zeit verlieren, während die Person weiter auskühlt.
- „Klares Wasser ist sauber“: kann zu einer Erkrankung führen, die eine mehrtägige Notlage erheblich verschärft.
- „Bei Gewitter hinlegen“: erhöht den Bodenkontakt und schützt nicht vor einem Einschlag.
- „Erfrierungen reiben“: verursacht zusätzliche Gewebeschäden und kann die spätere Behandlung erschweren.
So prüfst Du einen Survival-Tipp, bevor Du ihn übernimmst
Viele falsche Vorstellungen verschwinden, sobald eine Technik unter realistischen Bedingungen ausprobiert wird: mit begrenztem Material, festem Zeitfenster, nassem Brennstoff, müden Händen und einer anschließenden Auswertung. In einem Survival Training sollte deshalb nicht nur der erfolgreiche Aufbau zählen, sondern auch die Frage, wann eine Methode abgebrochen und durch eine einfachere Lösung ersetzt wird.
Kurze Lageprüfung für den Ernstfall
- Unmittelbare Gefahr: Verkehr, Absturz, Wasser, Feuer, Gewitter, Kälte oder starke Blutung zuerst beherrschen.
- Zustand: Bewusstsein, Atmung, Blutung, Temperatur, Verletzungen und Bewegungsfähigkeit prüfen.
- Rettung: Notruf, Standort, Koordinaten, Rückrufmöglichkeit und sichtbare Signale klären.
- Schutz: Einen sicheren Standort wählen, Wind und Bodenkälte reduzieren und Nässe beherrschen.
- Wasser und Energie: Bestand erfassen, Verbrauch begrenzen und nur erfolgversprechende Beschaffung beginnen.
- Neu bewerten: Nach jeder Maßnahme prüfen, ob sich Wetter, Gesundheit, Tageslicht oder Rettungsaussicht verändert haben.





