Unter Nordlichtern – eine Überlebensgeschichte in Finnland
Es war keine Expedition und keine geplante Survivalübung. Ich war mit meinem Ford Tourneo Custom auf einer abgelegenen Straße in Südfinnland unterwegs, ungefähr 40 Kilometer von der schwedischen Grenze entfernt. Dann traf ich mit dem Fahrzeug auf eine harte Schneeverwehung, verlor die Kontrolle und kam abseits der Fahrbahn in tiefem Schnee zum Stehen.
In solchen Momenten entscheidet nicht die Menge der Ausrüstung, sondern die Reihenfolge der Gedanken. Bin ich verletzt? Droht unmittelbar eine weitere Gefahr? Kann mich hier jemand finden? Ist das Fahrzeug noch sicher? Welche Wärme, welches Wasser und welche Energie stehen zur Verfügung? Erst nachdem diese Fragen beantwortet waren, konnte aus dem Unfall eine beherrschbare Lage werden.
Der Aufprall
Der Wind wehte an diesem Tag mit geschätzten 60 bis 70 km/h. Feiner Schnee zog fast waagerecht über die Straße und sammelte sich in flachen Verwehungen. Dann lag plötzlich ein dunklerer Streifen quer über der Fahrbahn. Was aus einiger Entfernung wie lockerer Schnee aussah, war eine harte, vom Wind verdichtete Barriere.
Beim Aufprall verlor der Wagen schlagartig die Spur. Gegenlenken änderte kaum noch etwas. Mir blieb nur, vom Gas zu gehen, das Lenkrad nicht hektisch zu verreißen und abzuwarten, wo das Fahrzeug zum Stillstand kommen würde. Der Straßenrand fiel glücklicherweise flach ab. Der Wagen überschlug sich nicht und prallte gegen keinen Baum, sondern grub sich in eine tiefe Schneewehe.
Nachdem sich der aufgewirbelte Schnee etwas gelegt hatte, wurde das Ausmaß sichtbar. Der Schnee reichte vorne über den Kühlergrill, an der Fahrerseite bis zur Tür und auf der Beifahrerseite ungefähr bis zur halben Türhöhe. Auch das Heck war eingeschlossen; die Heckklappe ließ sich nicht öffnen. Ein Ford Tourneo Custom ist kein kleines Fahrzeug. Wenn ein solcher Wagen bis weit über die Schweller im Schnee steckt, lässt er sich nicht mit ein paar Schaufelbewegungen wieder auf die Straße setzen.
Die Lage annehmen
Die erste wichtige Erkenntnis war schlicht: Ich steckte fest. Die zweite war unangenehmer: Mit schneller Hilfe war nicht zu rechnen. In den Stunden zuvor hatte ich weder ein anderes Fahrzeug noch eine bewohnte Unterkunft gesehen. Wegen des Schneesturms sollte der Grenzübergang geschlossen werden. Es gab damit kaum einen Grund, warum in der Nacht noch jemand diese Strecke befahren sollte.
Ich kannte die Straße. Die nächste realistische Hilfe war an der Grenzstation zu erwarten. Unter normalen Bedingungen wären 40 Kilometer eine lange, aber denkbare Strecke. Bei Dunkelheit, Sturm und −33 °C war der Versuch zu Fuß keine vernünftige Rückkehrstrategie. Der Wind hätte die Wärmeabgabe zusätzlich beschleunigt, die Sicht war gering und die Fahrbahn stellenweise nicht mehr vom Gelände zu unterscheiden. Ein Sturz, ein Orientierungsfehler oder durchnässte Kleidung hätten aus dem festsitzenden Fahrzeug sehr schnell eine lebensbedrohliche Lage gemacht.
Die wichtigste Entscheidung dieser Nacht: Das Fahrzeug blieb mein Schutzraum. Ich würde es nicht verlassen, nur um das Gefühl zu haben, etwas zu tun.
Akzeptanz bedeutet in einer solchen Situation nicht, sich seinem Schicksal zu ergeben. Sie beendet lediglich die nutzlose Verhandlung mit der Wirklichkeit. Der Wagen stand fest, die Temperatur war extrem niedrig, der Verkehr würde vermutlich für längere Zeit ausbleiben. Von diesem Zustand aus musste ich planen.
Inventur statt Aktionismus
Im nächsten Schritt prüfte ich, was im Fahrzeug vorhanden und tatsächlich erreichbar war. Mehrere Messer, Taschenlampen, Stirnlampen, ein Multitool und weiteres Werkzeug lagen im Wagen. Dazu kamen mehrere Jacken, Mützen, Handschuhe und zwei kräftige Winterschlafsäcke, die ich in der kalten Jahreszeit als Reserve mitführte.
Dass sich in verschiedenen Fächern noch Ausrüstung befand, war ausnahmsweise kein Zeichen mangelnder Ordnung, sondern ein Vorteil. Entscheidend war allerdings nicht, möglichst viel aufzuzählen. Ich brauchte nur das, was Wärme hielt, Licht lieferte, eine spätere Befreiung erleichterte oder die vorhandenen Vorräte nutzbar machte.
Beim Wasser sah die Bilanz schlechter aus. Der feste Wassertank war im Winter geleert, weil er sonst einfrieren konnte. Vorhanden waren eine große Thermoskanne mit Kaffee, zwei Flaschen mit jeweils 1,5 Litern Wasser und zwei Energydrinks. Hinzu kamen einige Konserven und weitere haltbare Lebensmittel. Das war keine komfortable Versorgung, reichte aber für die erwartete Wartezeit, wenn ich nicht verschwenderisch damit umging.
Das Fahrzeug ließ sich nur noch durch das Fenster auf der Fahrerseite verlassen. Allein dieser Umstand änderte die Prioritäten. Jede Tätigkeit außerhalb des Wagens musste einen klaren Zweck haben. Ein Rundgang aus Neugier, unnötiges Graben während der stärksten Böen oder die Suche nach einer vermeintlich besseren Unterkunft hätten Wärme und Kraft verbraucht, ohne die Lage zuverlässig zu verbessern.
Das Fahrzeug als Unterkunft
Meine Kleidung bildete die erste Schutzschicht, das Fahrzeug die zweite und die Schlafsäcke die dritte. Der Innenraum hielt den Wind vollständig ab. Er wurde dadurch nicht automatisch warm, aber Windstille ist bei solchen Temperaturen ein erheblicher Gewinn. Zusätzlich trennte der Fahrzeugboden mich vom direkten Kontakt mit Schnee und gefrorenem Boden.
Eine Schneehöhle wäre nur dann in Betracht gekommen, wenn der Wagen beschädigt, brandgefährdet oder aus einem anderen Grund unbenutzbar geworden wäre. Ihr Bau hätte Zeit, Kraft und mehrere Aufenthalte im Sturm verlangt. Außerdem benötigt auch eine Schneeunterkunft eine sichere Form, ausreichende Wandstärke und eine freie Belüftungsöffnung. Solange das Fahrzeug intakt blieb, gab es keinen Grund, parallel eine schlechtere Unterkunft zu errichten.
Die eingebaute 3,5-kW-Standheizung half mir nicht. Schnee hatte ihren Ansaug- beziehungsweise Abgasbereich zugesetzt, sodass sie nicht startete. Gleichzeitig hatte bereits vor dem Unfall die Tankwarnleuchte aufgeleuchtet. Eigentlich wollte ich wenige Kilometer hinter der Grenze tanken; bis dorthin lagen noch ungefähr 45 Kilometer vor mir. Der vorhandene Diesel musste deshalb sowohl für eine spätere Weiterfahrt als auch für die Wärmeversorgung reichen.
Ich ließ den Motor nur zeitweise laufen und nutzte die Wärme anschließend möglichst lange. Dabei war der Abgasweg der kritische Punkt. Bei einem eingeschneiten Fahrzeug kann Kohlenmonoxid in den Innenraum gelangen. Eine kurze Motorlaufzeit allein schützt davor nicht. Der Bereich am Auspuff musste frei bleiben, und sobald Schnee oder Wind die Abgase wieder zum Fahrzeug drückten, durfte der Motor nicht weiterlaufen.
Ungefähr zehn bis fünfzehn Minuten Heizphase pro Stunde reichten in Verbindung mit Kleidung und Schlafsäcken aus, um den Wärmeverlust zu begrenzen. Es wurde kühl, aber ich begann nicht unkontrolliert zu zittern. Das war für mich der maßgebliche Zustand: nicht Behaglichkeit herstellen, sondern verhindern, dass die Kälte meine Koordination, mein Urteilsvermögen oder meine Fähigkeit zum eigenen Handeln beeinträchtigte.
Signalgebung in Sturm und Dunkelheit
Ein Signal ist nur sinnvoll, wenn es unter den jeweiligen Bedingungen wahrgenommen werden kann. Mein Signalspiegel war in der Dunkelheit unbrauchbar. Orangefarbener Signalrauch hätte im Schneesturm ebenfalls kaum Reichweite erzielt und wäre nur für den Moment sinnvoll gewesen, in dem sich tatsächlich ein Fahrzeug oder ein Suchtrupp näherte.
Dreiergruppen aus Licht-, Schall- oder Bodenzeichen werden häufig als Notsignal verstanden. Im Schnee können drei große, gerade Linien oder ein deutliches SOS auffallen, sobald Sicht aus der Luft besteht. Während des Sturms wäre der Aufwand jedoch schnell wieder zugeschneit worden. Drei Feuer kamen ebenfalls nicht infrage: Dafür hätte ich den geschützten Innenraum verlassen, Brennstoff suchen und mehrere Feuer über längere Zeit versorgen müssen.
Moderne Fahrzeuge schalten ihre Beleuchtung zum Schutz der Starterbatterie häufig ab. Dauerhaft eingeschaltete Scheinwerfer waren daher keine verlässliche Lösung. Ich stellte stattdessen eine Taschenlampe im Stroboskopmodus hinter die Frontscheibe. Eine Socke isolierte vor allem den Akkubereich etwas gegen die Kälte an der Scheibe. Das Blinklicht kostete wenig Energie und hätte sich nähernden Verkehr auf den Wagen aufmerksam machen können.
Die Signalgebung blieb bewusst zurückhaltend. Es war sehr unwahrscheinlich, dass mitten in der Nacht jemand an der geschlossenen Grenze vorbeikam. Meine wichtigste Aufgabe war nicht, pausenlos Signale zu produzieren, sondern so lange handlungsfähig zu bleiben, bis Räumdienst oder Grenzpersonal die Strecke erreichten.
Keine Verbindung zur Außenwelt
Das Mobiltelefon zeigte kein nutzbares Netz. Die europäische Notrufnummer 112 kann ein verfügbares fremdes Mobilfunknetz nutzen; sie kann jedoch keine Verbindung herstellen, wenn am Standort überhaupt kein Netz erreichbar ist. Genau das war hier das Problem. Auch mehrere Versuche änderten daran nichts.
Eine Satellitenverbindung hatte ich nicht dabei. Für abgelegene Winterstrecken wäre ein Satelliten-Messenger rückblickend die wirkungsvollste Ergänzung meiner Ausrüstung gewesen. Er hätte keine sofortige Bergung garantiert, aber meinen Standort und die Information über das intakte Fahrzeug übermitteln können. In dieser Nacht blieb mir nur, am bekannten Straßenverlauf zu bleiben und davon auszugehen, dass der Räumdienst irgendwann kommen musste.
Wasser, Schnee und warme Nahrung
Wasser war wichtiger als Hunger, aber ich musste es nicht panisch rationieren. Die vorhandenen Getränke reichten voraussichtlich für zwei Tage. Ich bewahrte die Flaschen so auf, dass sie nicht vollständig durchfroren, und trank regelmäßig kleinere Mengen. Erst zu warten, bis starker Durst einsetzt, wäre bei der trockenen Kaltluft und den späteren Grabarbeiten kein guter Plan gewesen.
Schnee war in praktisch unbegrenzter Menge vorhanden, aber er ist noch kein trinkbares Wasser. Ihn im Mund zu schmelzen hätte dem Körper Wärme entzogen und nur geringe Flüssigkeitsmengen geliefert. Zum Schmelzen wären Gefäß und Brennstoff nötig gewesen. Außerdem ergibt selbst ein voller Topf lockeren Schnees nach dem Schmelzen überraschend wenig Wasser.
Bei der Nahrung galt ebenfalls: Kalorien waren nützlich, aber sie standen nicht über dem Wärmeerhalt. Im Fahrzeug lagen unter anderem Dosen mit Nudeln und Gulasch, Thunfisch und Suppe. Vieles hätte sich notfalls kalt essen lassen. Bei dieser Temperatur hatte eine warme Mahlzeit jedoch einen deutlichen praktischen und psychischen Wert.
Ich hatte einen Gaskocher und eine kleine Metalltasse dabei. Damit erwärmte ich eine Dose Nudeln. Ein Kocher im Fahrzeug verlangt einen standsicheren, nicht brennbaren Platz und kräftige Lüftung; er darf nicht als Innenraumheizung verwendet werden. Für die kurze Zubereitung war er dennoch wertvoll. Die Mahlzeit lieferte Energie, warme Flüssigkeit und vor allem ein Stück Normalität in einer Nacht, die ansonsten nur aus Kälte, Wind und Warten bestand.
Die lange Nacht
Schlaf war möglich, aber nicht durchgehend. Ich kontrollierte regelmäßig die Temperatur im Innenraum, meine Hände und Füße, den Zustand der Taschenlampen und die Entwicklung des Schnees am Fahrzeug. Danach kroch ich wieder in die Schlafsäcke und versuchte, die gespeicherte Wärme nicht durch unnötige Bewegung zu verlieren.
Die Nacht fühlte sich länger an, als sie tatsächlich war. Das lag weniger an Angst als an der erzwungenen Untätigkeit. Man möchte ein Problem lösen, graben, laufen oder wenigstens sichtbar beschäftigt sein. Doch während des stärksten Sturms wäre fast jede dieser Handlungen schlechter gewesen als Warten. Disziplin bestand hier nicht im Durchhalten einer körperlichen Höchstleistung, sondern darin, keine unnötige zu beginnen.
Als es am nächsten Morgen heller wurde, hatte sich die Temperatur kaum verändert. Auch der Schnee lag weiterhin hoch am Wagen. Die bessere Sicht änderte jedoch die Arbeitsbedingungen. Nun konnte ich beurteilen, wo die Fahrbahn verlief, wie das Fahrzeug stand und an welchen Stellen der Schnee zuerst entfernt werden musste.
Zurück auf die Straße
Ich begann, den Wagen Stück für Stück freizulegen. Wichtig waren nicht große freie Flächen, sondern die Bereiche, die das Fahrzeug tatsächlich zum Bewegen brauchte: der Raum vor den angetriebenen Rädern, die Spur zurück zur Fahrbahn, die Fahrzeugfront und der Abgasbereich. Loser Schnee wurde entfernt, verdichtete Stellen mussten aufgebrochen werden.
Die Arbeit kostete Kraft und durfte nicht zur Auskühlung führen. Deshalb wechselte ich zwischen kurzen Arbeitsphasen und dem geschützten Innenraum. Schweiß wäre bei −33 °C ein neues Problem gewesen. Jacke und Handschuhe mussten während der Bewegung angepasst und in den Pausen wieder vollständig geschlossen werden.
Nach mehreren Versuchen bekam ich den Wagen aus der tiefsten Verwehung und zurück in Richtung Fahrbahn. Damit war die Strecke jedoch noch nicht frei. Weiterzufahren, ohne zu wissen, welche Verwehung hinter der nächsten Kurve lag, hätte nur zum nächsten Festfahren geführt. Ich blieb deshalb beim Fahrzeug und wartete.
Stunden später hörte ich einen Motor. Ein Schneepflug arbeitete sich über die Strecke. Der Fahrer räumte den noch blockierten Abschnitt und half mir über die letzten problematischen Stellen. Erst damit war die Straße wieder befahrbar und ich konnte meine Reise fortsetzen.
Was in dieser Nacht wirklich zählte
Gerettet hat mich keine einzelne spektakuläre Technik. Entscheidend war eine Kette unscheinbarer Dinge: die Lage früh anzunehmen, im intakten Fahrzeug zu bleiben, vorhandene Kleidung und Schlafsäcke konsequent zu nutzen, Kraftstoff nicht sinnlos zu verbrauchen, Wasser und Nahrung erreichbar zu halten und erst bei besserer Sicht mit dem Freilegen des Wagens zu beginnen.
Ebenso wichtig war das, was ich nicht tat. Ich lief nicht in der Dunkelheit zur Grenze. Ich baute keine Schneeunterkunft, solange der Wagen sicheren Windschutz bot. Ich verschwendete keine Kraft für Signale, die im Sturm niemand hätte erkennen können. Und ich setzte die Fahrt nicht fort, bevor der Schneepflug den Straßenverlauf wieder freigelegt hatte.
Seit dieser Nacht gehören für mich auf abgelegenen Winterstrecken nicht nur warme Kleidung und Schlafsäcke ins Fahrzeug. Ebenso wichtig sind eine robuste Schaufel, sofort erreichbares Trinkwasser, warme Getränke, kalorienreiche Nahrung, mehrere voneinander getrennte Lichtquellen, eine Powerbank und eine Kommunikationsmöglichkeit, die nicht vom örtlichen Mobilfunknetz abhängt.
Vorbereitung bedeutet nicht, den Wagen mit beliebiger Ausrüstung zu füllen. Sie bedeutet, die tatsächlichen Gefahren einer Strecke zu kennen und einfache Abläufe so sicher zu beherrschen, dass sie auch bei Kälte, Dunkelheit und Stress funktionieren. Weitere Informationen zu diesen Grundlagen gibt es beim Survival Training von Team-Survival.





