GAU | Auslegungsstörfall und umgangssprachlicher Worst Case
GAU steht für größter anzunehmender Unfall. Der Begriff stammt aus der Kerntechnik und beschreibt im traditionellen Sprachgebrauch einen schweren angenommenen Störfall, dessen Beherrschung bei der Auslegung einer Anlage berücksichtigt wird. Er bedeutet deshalb nicht automatisch, dass sämtliche Sicherheitssysteme versagen oder der größtmögliche physikalisch denkbare Schaden eintritt.

Was mit Auslegung gemeint ist
Für eine kerntechnische Anlage werden bestimmte Ereignisse und Belastungen als Grundlage des Sicherheitskonzepts festgelegt. Die dafür notwendigen Systeme und Barrieren müssen ihre vorgesehenen Schutzfunktionen unter diesen Annahmen erfüllen. Der fachlich genauere Ausdruck ist Auslegungsstörfall beziehungsweise im Englischen design-basis accident.
Entscheidend ist die Bezugsebene: Welche Anlage, welches Ereignis und welche Annahmen sind gemeint? Der historische Sammelbegriff GAU liefert diese Angaben allein nicht. Aus ihm lässt sich auch keine allgemeine Unfallwahrscheinlichkeit ablesen.
Super-GAU und Kernschmelze
Super-GAU wird für Ereignisse verwendet, die über die zugrunde gelegte Auslegung hinausgehen, besonders bei schweren Freisetzungen radioaktiver Stoffe. Es ist ein verbreiteter Ausdruck der öffentlichen Diskussion, jedoch keine zusätzliche Stufe einer amtlichen Skala.
Eine Kernschmelze beschreibt dagegen einen konkreten Vorgang im Reaktorkern. Ob und in welchem Umfang radioaktive Stoffe die Anlage verlassen, hängt zusätzlich vom Zustand weiterer Barrieren ab. Die Wörter Kernschmelze, Freisetzung und Super-GAU lassen sich deshalb nicht beliebig austauschen.
Wofür INES verwendet wird
Die Internationale Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse, INES, dient der verständlichen Einordnung ihrer sicherheitstechnischen Bedeutung. Sie umfasst sieben Stufen; Ereignisse ohne sicherheitstechnische Bedeutung werden unterhalb der Skala als Stufe 0 eingeordnet. Bewertet werden unter anderem Auswirkungen auf Menschen und Umwelt sowie Beeinträchtigungen von Barrieren und Sicherheitsvorkehrungen.
INES ist kein örtliches Warnsystem und keine Handlungsanweisung für einen laufenden Notfall. Eine gemeldete Einstufung ersetzt daher weder eine Gefahrenmeldung noch konkrete Anweisungen der zuständigen Stellen.
Der Begriff in der privaten Vorsorge
Im Alltag steht GAU häufig einfach für einen besonders schlechten Ausgang. Für einen belastbaren Notfallplan ist diese Bezeichnung zu ungenau. Hilfreicher ist, die tatsächlichen Folgen zu benennen: Muss eine Wohnung verlassen werden, fehlt Trinkwasser, ist ein Verkehrsweg gesperrt oder fällt eine notwendige Betreuung aus?
Zu jedem solchen Ausfall lassen sich Ansprechpartner, Ersatzmöglichkeiten und Entscheidungsgrenzen festhalten. Ein Plan für einen mehrstündigen Stromausfall braucht andere Schritte als eine behördlich angeordnete Evakuierung. Das Schlagwort liefert weder eine passende Vorratsdauer noch eine sinnvolle Packliste.





