Der Begriff YOYO – eine Abkürzung für „You’re On Your Own“ – beschreibt eine Grundannahme im Prepping, die nüchterner kaum sein könnte: Im Krisenfall bist du auf dich allein gestellt. Es gibt keinen Staat, der sofort eingreift, keine Rettungsdienste, die rechtzeitig ankommen, und keine Organisation, die mit perfekt organisierten Hilfslieferungen vor der Tür steht. Dieser Gedanke mag unbequem sein, doch er gehört zu den Fundamenten einer realistischen Krisenvorsorge. YOYO ist dabei weniger eine theoretische Überlegung als vielmehr eine Haltung, die den gesamten Vorbereitungsprozess durchdringt.
I. Ursprung und Entwicklung des Konzepts
Das Prinzip, dass man im Notfall allein für sich sorgen muss, ist älter als das Prepping selbst. Schon in frühen Gesellschaften war Selbstversorgung die Regel. Familien, Clans oder Dorfgemeinschaften mussten mit dem auskommen, was sie selbst erwirtschafteten oder beschaffen konnten. Die Vorstellung, dass jemand anderes im Ernstfall helfen würde, gab es nicht. Erst die Entstehung moderner Staaten und die zunehmende Vernetzung von Infrastrukturen schuf eine Erwartungshaltung, die auf Hilfe von außen baut. Polizei, Feuerwehr, medizinische Notdienste und Katastrophenschutz wurden in den vergangenen Jahrzehnten so selbstverständlich, dass viele Menschen kaum noch in Betracht ziehen, selbst verantwortlich zu sein.
Doch immer wieder zeigte sich, dass diese Systeme an Grenzen stoßen. Große Naturkatastrophen wie Hurrikan Katrina 2005 oder das Erdbeben in Haiti 2010 führten dazu, dass Millionen Menschen plötzlich ohne funktionierende Hilfsstrukturen dastanden. In beiden Fällen dauerte es Tage oder Wochen, bis koordinierte Hilfe vor Ort war. Auch in Deutschland gab es Ereignisse, die verdeutlichten, wie begrenzt staatliche Kapazitäten sein können – etwa die Flutkatastrophe an der Ahr 2021, bei der ganze Orte abgeschnitten waren und Betroffene teils tagelang ohne Hilfe auskommen mussten. YOYO fasst all diese Erfahrungen in einem prägnanten Satz zusammen.
II. Bedeutung im Prepping-Kontext
Für Prepper ist YOYO nicht einfach eine pessimistische Haltung, sondern eine nüchterne Analyse. Wer davon ausgeht, dass er allein dasteht, richtet seine Vorbereitung konsequent darauf aus. Das betrifft sämtliche Lebensbereiche: Versorgung mit Wasser und Nahrung, Energie, Sicherheit, medizinische Versorgung und Kommunikation. YOYO zwingt dazu, redundante Systeme aufzubauen und die Abhängigkeit von staatlicher oder technischer Infrastruktur zu reduzieren.
Ein Beispiel: Wer glaubt, dass im Ernstfall innerhalb weniger Stunden Trinkwasser geliefert wird, beschränkt sich vielleicht auf einen kleinen Vorrat. Wer aber von YOYO ausgeht, richtet sich darauf ein, über Wochen autark Wasser zu gewinnen, zu filtern und zu lagern. Genauso bei der Ernährung: Während viele Haushalte kaum Vorräte für mehr als drei Tage besitzen, planen Prepper in YOYO-Logik mit Monaten.
III. Praktische Konsequenzen
YOYO bedeutet, dass man in allen wichtigen Lebensbereichen Vorkehrungen trifft. Das umfasst:
- Wasser: Ohne Zugang zu sauberem Wasser überlebt man nur wenige Tage. Deshalb gehört es zu den ersten Prioritäten. Wasservorräte, Filter, Brunnen oder Regenwassersysteme sind klassische Antworten auf YOYO.
- Nahrung: Kalorien- und nährstoffreiche Vorräte sind entscheidend. Konserven, Getreide, Hülsenfrüchte und konservierte Lebensmittel bilden die Grundlage. Auch die Fähigkeit, Nahrung selbst herzustellen oder zu konservieren, gehört dazu.
- Energie: Stromausfälle sind in Krisen häufig. Wer ausschließlich auf das öffentliche Netz setzt, bleibt im Dunkeln. Alternative Energiequellen wie Generatoren, Solarpaneele oder Holzöfen sind typische YOYO-Lösungen.
- Medizinische Versorgung: Notfallsets, Vorräte an Medikamenten und Grundkenntnisse in Erster Hilfe sind unverzichtbar. Krankenhäuser können überlastet oder unerreichbar sein.
- Sicherheit: Ohne Polizei oder Ordnungskräfte ist der Schutz des eigenen Haushalts Sache der Betroffenen. Das kann von stabilen Türen über Alarmanlagen bis hin zu Wachplänen reichen.
Die Kernbotschaft: Wer YOYO akzeptiert, baut Systeme auf, die unabhängig sind.
IV. Psychologische Komponente
YOYO hat nicht nur praktische, sondern auch psychologische Aspekte. Wer innerlich darauf vorbereitet ist, dass keine Hilfe kommt, erlebt im Ernstfall weniger Schock und Panik. Der Übergang von Normalität zur Krise fällt leichter, weil man nicht auf etwas wartet, das ausbleibt. Stattdessen setzt früh der Mechanismus der Eigenorganisation ein.
Das bedeutet allerdings auch, dass YOYO mental belastend sein kann. Die Vorstellung, in einer Ausnahmesituation wirklich niemanden hinter sich zu haben, wirkt bedrohlich. Viele Prepper gleichen das durch Gruppenbildung aus: Man bereitet sich individuell vor, aber knüpft Kontakte zu Gleichgesinnten, um im Notfall dennoch Teil einer funktionierenden Gemeinschaft zu sein. Hier zeigt sich, dass YOYO nicht zwingend Isolation bedeutet, sondern in erster Linie Eigenverantwortung.
V. YOYO im Alltag üben
Das Prinzip lässt sich auch im Alltag testen. Kleine Experimente helfen, die eigene Abhängigkeit von Strukturen sichtbar zu machen. Ein Beispiel ist das bewusste Leben für 48 Stunden ohne Strom. Keine Lichter, keine Heizung, keine elektrischen Geräte. Solche Übungen zeigen schnell, wie groß die Lücken sind und welche Alternativen funktionieren. Ein anderes Beispiel ist die Wasserversorgung: Wer den Hahn für einen Tag geschlossen hält und nur auf eigene Vorräte oder Regenwasser zurückgreift, erlebt unmittelbar, wie gut er vorbereitet ist.
Diese Alltagsübungen sind wertvoll, weil sie Schwachstellen sichtbar machen, bevor eine echte Krise eintritt. YOYO wird so vom abstrakten Begriff zu einer greifbaren Erfahrung.
VI. Gemeinschaft und YOYO
Obwohl YOYO betont, dass man auf sich allein gestellt ist, bedeutet es nicht, dass man Kooperation grundsätzlich ablehnen muss. Vielmehr geht es darum, nicht von externer Hilfe abhängig zu sein. Wer seine Grundversorgung eigenständig sichern kann, tritt in einer Gemeinschaft nicht als Belastung auf, sondern als Ressource. Gruppen, die aus Menschen bestehen, die YOYO-Prinzipien verinnerlicht haben, sind deutlich stabiler, weil sie auf mehreren selbstständigen Säulen ruhen.
Ein Beispiel dafür ist die Bildung von Nachbarschaftsnetzwerken. Wenn jeder Haushalt für sich vorbereitet ist, kann man im Ernstfall Ressourcen teilen oder sich gegenseitig unterstützen, ohne dass sofort Abhängigkeiten entstehen.
VII. YOYO in verschiedenen Szenarien
YOYO entfaltet seine volle Bedeutung in Szenarien, die großflächig oder langanhaltend sind. Beispiele:
- Pandemie: Während einer Pandemie kann es sein, dass staatliche Strukturen funktionieren, aber überlastet sind. YOYO bedeutet hier, dass man auf Quarantäne vorbereitet ist und Wochen im eigenen Haushalt übersteht.
- Blackout: Ein länger andauernder Stromausfall zeigt die Grenzen moderner Versorgungssysteme auf. YOYO verlangt in diesem Fall, alternative Energiequellen zu haben.
- Naturkatastrophe: Fluten, Erdbeben oder Stürme können Gebiete über Tage von der Außenwelt abschneiden. Hilfe kommt spät, wenn überhaupt. YOYO bedeutet, diese Phase autark zu überstehen.
- Gesellschaftlicher Zusammenbruch: In Extremszenarien, bei denen Recht und Ordnung zerfallen, wird YOYO zum zentralen Prinzip. Ohne Polizei, Feuerwehr oder medizinische Versorgung bleibt nur die Selbsthilfe.
VIII. Kritische Stimmen
Manche Kritiker werfen Preppern vor, YOYO sei eine übertriebene Schwarzmalerei. Schließlich gebe es in modernen Staaten Hilfsstrukturen, die immer wieder ihre Funktionsfähigkeit bewiesen hätten. Doch selbst staatliche Stellen raten Bürgern, für den Notfall vorbereitet zu sein. In Deutschland empfiehlt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) einen Vorrat an Lebensmitteln und Wasser für mindestens zehn Tage. Dieses Minimum ist bereits eine implizite Anerkennung von YOYO: Auch der Staat geht davon aus, dass Hilfe nicht sofort gewährleistet werden kann.