Ein 72-Stunden-Kit, auch als „72-hour kit“ oder „Drei-Tage-Notfallset“ bekannt, ist ein international verbreitetes Konzept der Zivil- und Katastrophenschutzplanung. Es beschreibt eine Ausrüstung, die so zusammengestellt ist, dass eine Einzelperson oder eine Familie für mindestens drei Tage ohne externe Hilfe überleben kann. Der Gedanke dahinter ist, dass staatliche oder private Rettungs- und Versorgungssysteme nach Katastrophen Zeit benötigen, um Hilfe zu leisten. Ein Haushalt, der über ein solches Notfallset verfügt, kann die kritischen ersten Tage überbrücken, ohne sofort auf externe Strukturen angewiesen zu sein. In der Prepper-Szene wird das 72-Stunden-Kit als grundlegender Baustein betrachtet, auf dem umfangreichere Vorsorge wie Wochen- oder Monatsvorräte aufbauen.
I. Historischer Hintergrund
Das Konzept entstand im 20. Jahrhundert aus den Erfahrungen zahlreicher Naturkatastrophen. In den USA war es die Federal Emergency Management Agency (FEMA), die in den 1970er-Jahren erstmals offiziell empfahl, Vorräte und Ausrüstung für mindestens 72 Stunden bereitzuhalten. Grundlage waren Beobachtungen, dass Rettungskräfte nach Hurrikanen, Überschwemmungen oder Schneestürmen im Durchschnitt drei Tage benötigten, um flächendeckend Hilfe zu leisten. Auch in Kanada und Neuseeland übernahmen Behörden diese Empfehlung. In Deutschland entwickelte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) eigene Richtlinien, die auf eine zehntägige Vorratshaltung abzielen, das 72-Stunden-Konzept aber als international üblichen Minimalstandard anerkennen.
Die Popularisierung des 72-Stunden-Kits erfolgte nicht nur über staatliche Empfehlungen, sondern auch über Medien, Ratgeberliteratur und die Prepper-Szene. Besonders nach großen Katastrophen wie dem Hurrikan Katrina 2005 oder dem Tōhoku-Erdbeben 2011 in Japan wuchs das Bewusstsein, dass private Vorsorge entscheidend sein kann, um die Zeit bis zur organisierten Hilfe zu überstehen.
II. Funktion und Zielsetzung
Das 72-Stunden-Kit soll alle lebenswichtigen Bedürfnisse abdecken, die in einer Krisensituation bestehen. Dazu zählen Wasser, Nahrung, Schutz vor Witterung, medizinische Versorgung, Beleuchtung, Energie und Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung. Es geht nicht um Luxus oder vollständige Autarkie, sondern um das Überleben in einem definierten Zeitraum, der von Hilfsdiensten als besonders kritisch gilt.
Ein weiterer Aspekt ist die Flexibilität. Ein 72-Stunden-Kit kann stationär im eigenen Haushalt aufbewahrt oder mobil als Rucksack zusammengestellt werden. Damit ist es gleichermaßen geeignet für Szenarien, in denen man in der Wohnung bleiben kann, wie auch für Fälle, in denen eine schnelle Evakuierung notwendig wird.
III. Typische Inhalte
Die Zusammenstellung eines 72-Stunden-Kits orientiert sich an den Grundbedürfnissen des Menschen. Viele Behörden und Organisationen geben Checklisten heraus, die sich in der Praxis stark ähneln.
Typische Bestandteile sind:
- Wasser: etwa drei Liter pro Person und Tag oder alternativ Wasserfilter und Desinfektionstabletten.
- Lebensmittel: haltbare Produkte wie Konserven, Energieriegel, Trockenfrüchte, Instantgerichte, Nüsse.
- Beleuchtung: Taschenlampe oder Stirnlampe mit Ersatzbatterien, alternativ Kurbel- oder Solarlampen.
- Energie: Powerbank, Ersatzakkus, ggf. kleiner Solarlader.
- Unterkunft und Schutz: Rettungsdecken, Tarp oder kleines Zelt, Schlafsack oder Isoliermatte.
- Bekleidung: wetterangepasste Wechselkleidung, Handschuhe, Regenjacke.
- Medizinische Versorgung: Erste-Hilfe-Set, persönliche Medikamente, Desinfektionsmittel.
- Werkzeuge: Messer, Multitool, Feuerzeug, Streichhölzer, Klebeband, Schnur.
- Kommunikation: Kurbelradio, Funkgerät, Ersatzhandy.
- Dokumente: Kopien von Ausweisen, wichtige Telefonnummern, Bargeld in kleiner Stückelung.
Die konkrete Ausgestaltung hängt vom individuellen Umfeld ab. Familien mit Kleinkindern benötigen Windeln und Babynahrung, Haustierhalter Tierfutter. Menschen mit chronischen Krankheiten müssen ihre Medikamente einplanen.
IV. Stationäre und mobile Varianten
Ein 72-Stunden-Kit kann in zwei Grundformen umgesetzt werden.
- Stationär: Im Haushalt werden Behälter, Kisten oder Schränke so bestückt, dass im Ernstfall alles griffbereit ist. Der Vorteil liegt in der größeren Menge, die ohne Gewichtsbeschränkung eingelagert werden kann.
- Mobil: In Form eines Rucksacks oder einer Tasche, die jederzeit mitgenommen werden kann. Diese Variante ähnelt stark dem Bug-Out Bag, ist aber inhaltlich nicht identisch, da sie stärker an der Überbrückung von drei Tagen als am reinen Fluchtszenario ausgerichtet ist.
Viele erfahrene Prepper kombinieren beide Varianten: stationäre Vorräte im Haus und eine mobile Tasche, falls ein Verlassen der Wohnung erforderlich wird.
V. Internationale Anwendung
Das 72-Stunden-Kit ist heute in vielen Ländern Teil offizieller Empfehlungen. In den USA ist es fester Bestandteil des Zivilschutzes. In Kanada gilt die 72-Stunden-Vorsorge als Bürgerpflicht. In Japan werden nach schweren Erdbeben Notfallrucksäcke von Behörden verteilt, die stark an diesem Konzept orientiert sind. In Deutschland ist die offizielle Linie des BBK zwar umfangreicher, doch auch hier wird das 72-Stunden-Prinzip als Minimalstandard von Medien und Kommunen aufgegriffen.
Die Praxis zeigt, dass ein solches Set nicht nur in Katastrophenfällen, sondern auch in kleineren Notlagen hilfreich ist. Stromausfälle über mehrere Tage, blockierte Straßen oder lokale Evakuierungen machen eine schnelle Verfügbarkeit von Wasser, Nahrung und Beleuchtung unverzichtbar.
VI. Rolle im Prepping
In der Prepper-Szene gilt das 72-Stunden-Kit als grundlegender Einstieg. Es ist leicht umzusetzen, erfordert keine großen Investitionen und vermittelt dennoch Sicherheit. Für viele ist es der erste Schritt, bevor größere Vorratssysteme aufgebaut werden. Gleichzeitig wird betont, dass drei Tage nicht als ausreichende Vorsorge für schwerwiegende Krisen verstanden werden dürfen. Vielmehr handelt es sich um eine Basis, auf die langfristigere Strategien aufbauen.
Fortgeschrittene Prepper nutzen das 72-Stunden-Kit oft als mobiles Ergänzungssystem. Selbst wenn große Vorräte vorhanden sind, bietet ein kleiner, stets griffbereiter Rucksack Sicherheit, falls eine unerwartete Evakuierung notwendig wird.
VII. Einbindung in das Gesamtkonzept
Ein 72-Stunden-Kit ist am wirkungsvollsten, wenn es nicht isoliert betrachtet wird, sondern als Teil einer umfassenden Vorsorgestrategie. Es ergänzt stationäre Vorratshaltung, Fluchtpläne, Kommunikationssysteme und Rückzugsorte. Entscheidend ist die regelmäßige Pflege: Lebensmittel müssen erneuert, Batterien ersetzt, Wasser getauscht werden. Ein vernachlässigtes Kit kann im Ernstfall nutzlos sein.
Darüber hinaus spielt die Organisation eine Rolle. Alle Haushaltsmitglieder sollten wissen, wo das Set aufbewahrt ist, was es enthält und wie es im Notfall eingesetzt wird. Nur dann entfaltet es seinen vollen Nutzen.